14
Kunst) darin, die inneren Bewegungen des Gemüts durch analogische äussere zu begleiten und zu versinnlichen“ u. s. w.
Es folgt hieraus, dass, wo die Musik ganz bestimmte Vorstellungen und Gefühle erregt, immer noch etwas anderes thätig sein muss ausser der reinen Musik und zwar entweder objektiv in Begleitung der Musik erscheinend oder subjektiv im Hörer vorhanden: eine solche Wirkung der Musik ist also erst dann möglich, wenn entweder durch Text oder Uberschrift oder auch durch die näheren, zeitlichen oder örtlichen Umstände der Aufführung die Gedanken des Hörers auf einen bestimmten Punkt konzentriert werden, oder auch, wenn der Hörer selbst den Bewegungsformen der Musik einen dazu passenden Inhalt nach seiner Willkür unterlegt, indem er seiner augenblicklichen Stimmung, seiner poetischen Geschmacksrichtung, liebgewordenen Erinnerungen und dergleichen folgt. Hierher gehören auch die zahllosen Fälle, wo die Instrumentalmusik durch den charakteristischen Klang einzelner Instrumente die Erinnerung an ganz bestimmte Dinge oder Situationen wachruft; so kann das Horn als Posthorn wirken, aber auch an Jagd und Wald ¹) erinnern, die Trompete an Kampf, die Posaune ans letzte Gericht, Flöte oder Englischhorn an das Hirtenleben u. s. f.
Es gibt gar viele Menschen, für die die reine Instrumentalmusik ungeniessbar ist, wenn sie nicht zu solchen Zufluchtsmitteln greifen und sich vorstellen können, welche Vorgänge wohl sie selbst, oder wenn's hoch kommt, nach ihrem Dafürhalten den Komponisten so bewegt und gestimmt haben möchten, dass das herauskommen konnte, was sie hören. Dass auf diese Weise verschiedene Menschen je nach ihrer Veranlagung und ihrem Ideenkreise ganz Verschiedenes aus derselben Musik heraushören, ist einleuchtend. Von den zahllosen Interpreten von Beethovens Symphonien vermeinen bekanntlich die einen persönliche innere oder äussere Erlebnisse des Meisters, die anderen eine Art IIlustration zu einem berühmten poetischen Kunstwerke oder eine Darstellung von politischen Staatsaktionen, wieder andere die Einführung in erhabene, sittliche Ideen darin zu finden.
Nur auf solche Weise erklärt sich auch in den meisten Fällen der direkte ethische Einfluss der Musik. Die Musik kann die Seele allerdings in eine Stimmung versetzen, die sie für moralische Wirkungen besonders empfänglich macht; sie kann die moralische Wirkung eines Textes unendlich verstärken; sie kann auch, wo das Gemüt des Hörers durch andere Umstände, wie z. B. beim Gottesdienste oder durch eine ergreifende oder begeisternde Rede, bereits nach einer bestimmten Richtung hin vorbereitet ist, diese Anregungen aufs wirksamste und nachhaltigste unterstützen und entwickeln.
Wo nicht Text, Uberschrift, der ausgesprochene Zweck der Aufführung oder sonstige Umstände vorhanden sind, die den Hörer zu einer bestimmten ethischen Wirkung disponieren, wird es immer die subjektive Stimmung desselben sein, die darüber entscheidet, ob z. B. dieselbe Musik bei ihm mehr beruhigend oder erschlaffend, eine andere eher zu grossen Gedanken und Thaten anregend oder zu wilder Leidenschaft entflammend wirkt, oder ob er sie endlich ganz objektiv als reines Produkt der Phantasie und Kunst geniesst.
1) Wenn Hörnerklang jetzt typisch verwandt werden kann, wo immer an den Wald erinnert werden soll, so ist meines Erachtens die allgemeine Vertrautheit des Publikums mit Webers Freischütz die Voraussetzung, es wirkt also die Ideenassoziation auf einem Umwege. Die ersten Takte des Vorspiels zu Hänsel und Gretel weckten bei mir, wie bei vielen anderen, schon beim ersten Hören die Vorstellung von Waldesduft, Waldes- schatten und Waldesstille durch die unbewusst wirkende Erinnerung an das Hörnerquartett der Freischütz- Ouverture und an die ganze Atmosphäre dieser Oper, wiewohl Humperdincks Abendsegenmelodie mit dem Wald gar nichts und mit jener Weber'schen Melodie sehr wenig gemein hat.


