— 2—
ganz anderer geworden gegenüber dem grimmigen, kecken Humor, dem Schwarzenberg dort— z. B. bei Schilderung der hölliſchen Wunderwerke beim Zutrinken(Scheel S. 40 f.) die Zügel ſchießen läßt, gegenüber der witzigen Satire und Ironie, mit der er dort den Höllenfürſten dem Zutrinken das Wort reden läßt. Dem gegenüber muß der Verſuch der 10 Jahre ſpäteren Flugſchrift, an neun Punkten die Verwerflichkeit des Zutrinkens zu erweiſen, trocken und philiſterhaft erſcheinen. Der Verfaſſer, der den Bauernkrieg mit allen ſeinen Schrecken gegen ſeinen bisherigen Wirkungs⸗ kreis in Franken und die in Wohlleben verſunkenen Großen der Erde heranwogen ſieht, hat eben das Scherzen verlernt, ihm iſt es furchtbar ernſt mit dem Hinweis auf das Schriftwort:„Die Axt iſt an die Wurzel gelegt“. So iſt die Verſchiedenheit im Tone der beiden Schriften doch nicht ſo groß, daß man darum die zweite Schwarzenberg abſprechen müßte, wenn auch zuzu⸗ geben iſt, daß die zweite auch aus ſeiner Umgebung ſtammen, etwa von ſeinem Kaplan Joh. Neuber herrühren könnte, deſſen Ueberſetzung von Ciceros Pflichten Schwarzenberg 1520„in zierlicheres Hochdeutſch“ umarbeitete¹). Die einfachere Erklärung iſt die, daß Schwarzenberg ſelbſt, etwa auf Erlingers Bitte, die Schrift zur Maſſenverbreitung raſch hingeworfen hat. Durch die Eile fände das Anakoluth im dritten Abſatz des Bamberger Ürdruckes ſeine Erklärung, wie ſich damit auch die unrichtigen Zitate aus der Bibel eher entſchuldigen ließen. Aus ſeiner fränkiſchen Heimat mag dann das Schriftchen— vielleicht vom Verfaſſer ſelbſt überſandt— nach Zwickau an Gaſtel ge⸗ gangen ſein, der noch 1523 eine norddeutſche Ausgabe zurechtmachte, in der vor allem in Worten wie„vber“ im Anlaut der Umlaut durchgeführt, auch das Anakoluth im 3. Abſatz geſtrichen wurde, während im 9. Abſatz(Zum Achten..) der ſinnſtörende Druckfehler„on(wohl“ ſtatt„obwohl“ unbeſehen wiederholt wurde. So glaube ich berechtigt zu ſein, die Flugſchrift vom Zutrinken zu den„worten und ſchrifften“ zu rechnen, mit denen Schwarzenberg das Laſter des Zutrinkens „vernicht vnd abzuowenden vnderſtanden“ ²). Außer in Michelſtadts) findet ſich der Erlingerſche Druck von 1523 noch in der Berliner Königlichen) und der Prager Univerſitätsbibliothek. Den Nachdruck von Jörg Gaſtel in Zwickau aus dem nämlichen Jahr beſitzt das germaniſche Nationalmuſeum in Nürnberg, das mir in freundlichſter Weiſe die Benutzung dieſer Seltenheit') ermöglicht hat. Welchen Beifall die Schrift fand, kann man aus weiteren Drucken ſchließen, von denen Weller, Repertorium typographicum 3230 und 3229 zwei aus d. J. 1524 nennt, den erſten aus Eylenburgk, den zweiten ohne Angabe des Druckortes.
Erlingers und Gaſtels Druck, im folgenden mit a und b bezeichnet, umfaſſen nur je vier Blätter. Der Titel von a iſt von einer Randleiſte umgeben, die aus vier Holzſtöcken zuſammen⸗ geſetzt iſt; rechts und links iſt ein Kandelaber, auf jedem hält ein oben ſitzender Engel einen Schild; unten auf den Tellern der Kandelaber ſitzen ebenfalls zwei Engel, von denen der eine mit der rechten, der andere mit der linken Hand eine Keule hält; unten in der Mitte der Einfaſſung bewe⸗ gen drei Engel nach rechtsé) vorwärts einen niedrigen Wagen, auf welchem zwei Knaben ſitzen, von denen der eine ein Kreuz, der andere ein Blasinſtrument hält; oben in der Mitte unter einem Portal ſitzt ein Engel, der mit ſeiner rechten Hand eine Poſaune, mit der linken ein Täfelchen hält, worauf 1523 ſteht?). Höhe und Breite des Rahmens ſind 153 zu 115 mm. Die Rückſeite des Titels iſt, wie bei b die letzte, 8. Seite des Druckes, leer. In b zeigt die Titeleinfaſſung links einen Ein⸗ ſiedler mit Roſenkranz, rechts einen nackten Bacchus, der in der einen Hand ein Bündel Pfeile hält, mit der anderen eine Bocksbeutelflaſche zum Trinken anſetzt, während ihn Wespen umſchwärmen. Oben links ſieht man eine Sphinx, rechts einen Hahnenkörper mit Manneskopf, unten zwiſchen zwei Fiſchungetümen zwei Kirchtürme über Mauerzinnen als Wappen von Zwickau. In dem nun fol⸗ genden Nachdruck von a iſt die ſchwankende Schreibweiſe Erlingers im ganzen beibehalten, nur wurde das diphthongiſche u(u mit übergeſetztem Kreis) durch uo wiedergegeben.
¹) Das Buch erſchien erſt 1533 bei Heinrich Steiner in Augsburg, unten in den Anmerkungen zum Text als Cicero, Pflichten, angeführt.
2) Vorrede zum Büchlein wider das Zutrinken(Scheel S. 5.).
³) Kirchenbibliothek E 905, 20.
4) Db 4060.
⁵5) Inc. 7002.
⁶) Die Bezeichnung iſt vom Beſchauer aus zu verſtehen. 3 1
9) 74 f. verzeichnet Heller noch vier Reformationsſchriften a. d. J. 1523, in denen Erlinger dieſelbe Einfaſſung verwandt hat.


