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ſo darf man wohl ſchließen, daß damals(441) atheniſche Bürger auf Lemnos gewohnt haben. Auch unter den Lemniern und Imbriern, die Thuk. III, 5, IV, 28 und V, 8 genannt werden, ſind höchſt wahrſcheinlich attiſche Kleruchen zu verſtehen. Nun haben aber attiſche Kleruchen nach Kirchhoffs überzeugender Unterſuchung keinen Tribut gezahlt, während unſere beiden Inſeln fortwährend in den Tributliſten aufgeführt werden. Kirchhoff behauptet deshalb, wobei er freilich das, was er beweiſen will, ſchon als bewieſen vorausſetzt, daß eben wegen dieſer Tributzahlungen ſelbſtändige Gemeinweſen auf beiden Inſeln fortbeſtanden haben müſſen. Wo lebten dann aber die Athener? Es gab auf der ganzen Inſel nur die beiden Städte Hephaiſtia und Myrina. Hätten die Athener eine neue gegründet, ſo würde dieſelbe doch einen Namen erhalten und Spuren hinterlaſſen haben. Alſo müſſen ſie auch in den beiden Städten neben den alten Einwohnern gelebt haben. Da wäre es ſchwer zu vermeiden geweſen, daß ſie namentlich in ſolcher Ferne von Athen ſich allmählich mit den alten Einwohnern vermiſcht hätten, wie das höchſt wahrſcheinlich in Chalkis und vielleicht noch in andern Orten der Fall war. Aber überall, wo Lemnier und Imbrier erwähnt werden, ſind ſie als atheniſche Bürger zu faſſen und aus der treuen Anhänglichkeit an Athen noch in ſpäter Zeit möchte man faſt ſchließen, daß ſie die alleinigen Bewohner der Inſel geweſen ſeien. So würde ſich alles leicht erklären, wenn nicht der Tribut im Wege ſtände, der uns zwingt, während wir die bei den Schriftſtellern erwähnten Lemnier und Imbrier als Athener anſehen müſſen oder können, die in den Tributliſten erwähnten Lemnier und Imbrier für die unterworfene einheimiſche Bevölkerung zu halten.
Die Anfänge der attiſchen Beſiedelung der Inſeln verlegt Kirchhoff und nach ihm Duncker für Lemnos in die Jahre 451—448(Duncker ſpeziell auf das Jahr 448) und für Imbros auf das Jahr 443, weil ſeit 446 für Lemnos, ſeit 442 für Imbros der Tribut um die Hälfte verringert worden iſt. Nun ſind aber in der damaligen Zeit faſt überall die Tribute und zwar zum teil bedeutend herabgeſetzt worden; z. B. 446 der Tribut von Milet von 10 Talenten auf 5, der von Lebedos von 3 auf 1, wahrſcheinlich weil man trotz der wachſenden Zahl der Bundesmitglieder doch im ganzen die Tribut⸗ ſumme des Ariſteides(460 Talente) feſthalten wollte(U. Köhler l. c.). Da alſo für die Zeit der atheniſchen Anſiedelung die Herabſetzung der Tribute nicht entſcheidend iſt, ſo möchte ich, geſtützt auf die bekannte Beſtimmung des antalkidiſchen Friedens, daß den Athenern Lemnos, Imbros und Skyros ver⸗ bleiben ſollen, die Anſiedelung der Inſeln durch Athen auf die Zeit unmittelbar nach den Perſerkriegen zurückverlegen. Denn erſtens heißt es daſelbſt, daß die Inſeln ſeit alter Zeit(6 4να☚αĩ*)» den Athenern gehört hätten, was für die von Kirchhoff gewählte Zeit nicht recht paſſen würde. Sollten damit aber die Anſprüche von den Zeiten des Miltiades her gemeint ſein, ſo würde dasſelbe auch für den thrakiſchen Cherſones gelten müſſen. Sodann ſind die beiden Inſeln noch vor Skyros genannt, das wahrſcheinlich 470, vielleicht ſchon früher von den Athenern beſetzt wurde(ſ. u.). Ferner würde man nicht verſtehen, warum andere Orte, in welche früher Kleruchen geſchickt worden ſind, z. B. Chalkis, Eion, die Gebiete an der thrakiſchen Küſte gegenüber Thaſos, Oreos auf Euboia(deſſen Anſiedelung wenigſtens der von Imbros vorausgehen würde), die doch zum teil viel näher lagen, den Athenern im Frieden des Antalkidas nicht bleiben ſollen. Endlich würde eine Anſiedelung der beiden Inſeln in ſpäterer Zeit nicht ſo leicht unbezeugt geblieben ſein(namentlich in der Aufzählung bei Plutarch Per. 11) als unmittelbar nach den Perſerkriegen, wo die Erwähnung der Sache im Drange der Ereigniſſe als weniger wichtig leichter ver⸗ geſſen werden konnte.
Wie oben bemerkt, blieben die beiden Inſeln auch nach dem Frieden des Antalkidas nebſt Skyros Eigentum der Athener und ſind es, wie aus zahlreichen Urkunden hervorgeht, bis in die ſpäte römiſche


