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fähigkeit einer Stadt, denn die Aigineten, die bei Herodot gleich daneben mit nur 18 Schiffen ſtehen, beſaßen nach Athen die größte Flotte, etwa 80 Schiffe. Zweifelhaft freilich iſt es mit den oben erwähnten, bei Herodot(IX, 28) mit aufgeführten 400 Chalkidiern. Dieſe kann man nicht gut für Athener halten, ſie ſtehen auch in der Aufzählung mit den Eretriern und Styreern zuſammen. Dies führt uns zu der Frage, ob nach der atheniſchen Beſitzergreifung von 506 noch eine einheimiſche Gemeinde neben der attiſchen Kleruchie beſtehen geblieben iſt. Dieſe Frage wird wohl bejaht werden müſſen. Denn daß die Bewohner ausgetrieben worden wären, wird nirgends überliefert, im Gegenteil ſagt Herodot, daß die in der Schlacht Gefangenen für je 2 Minen losgekauft worden ſeien. Auch ſpricht dafür, wie Kirchhoff geltend macht, der Name der Chalkidier auf dem delphiſchen Weihgeſchenk. Denn wenn auch Herodot in ſeinem Geſchichtswerk die Athener auf Chalkis mehrfach Chalkidier nennt(auch Thuk. VII, 57 meint noch unter Aigineten die Athener auf Aigina), ſo würde in einer öffentlichen Urkunde doch ſchwerlich dieſe Bezeichnung gewählt worden ſein; vielmehr ſind die attiſchen Kleruchen in Chalkis als atheniſche Bürger ſicher unter 19„*ο mit eingerechnet. Auch ſtehen die Chalkidier in den Tributliſten des Jahres 449 mit zehn Talenten verzeichnet, während attiſche Kleruchen nie Tribut gezahlt haben(ſ. u. 2. Teil). Alſo blieb noch eine einheimiſche Gemeinde beſtehen, und dieſe iſt es wahrſcheinlich, die bei Plataiai 400 Hopliten geſtellt hat und deshalb auf dem delphiſchen Weihgeſchenk mit verzeichnet iſt.
Aus dieſer Miſchung zwiſchen Athenern und Chalkidiern iſt auch nur die ſpätere Geſchichte der Stadt zu verſtehen. Im Jahre 446 machten nämlich die Euböer, ſpeciell auch die Chalkidier, einen Aufſtand gegen Athen, das durch die Niederlage des Tolmides geſchwächt und von einem peloponneſiſchen Einfall bedroht war, wurden aber raſch durch Perikles, nachdem er den Abzug des peloponneſiſchen Heeres durch Beſtechung bewirkt hatte, wieder unterworfen. Die übrigen Städte wurden milde behandelt, nur aus Heſtiaia die alten Einwohner vertrieben und attiſche Kleruchen hingeſchickt(ſ. unten Heſtiaia). Wenn Plutarch(Per. 23) bei dieſer Gelegenheit den Perikles die chalkidiſchen Hippoboten austreiben läßt, ſo beruht das wahr⸗ ſcheinlich auf einer Verwechſelung mit dem Jahre 506. Wer ſind nun die Chalkidier, die an dieſem Aufſtand beteiligt waren? Hätten ſich die attiſchen Kleruchen abgeſondert von den Chalkidiern, rein und unvermiſcht erhalten, ſo würden ſie ſicher gegen ihre Vaterſtadt ſich nicht empört haben. Ebenſo wenig aber würden es unter dem Druck der bei ihnen wohnenden Athener die an Volkszahl viel geringeren Chalkidier gewagt haben ſich zu empören. Die 4000 hätten ſicher die größte Gemeinde auf ganz Euboia gebildet. Eretria wenigſtens konnte zur Zeit ſeiner Blüte nur 3000 Hopliten ins Feld ſtellen. Auch iſt nirgends davon die Rede, daß die atheniſchen Kleruchen ſich gewehrt hätten oder vertrieben worden wären. Ich nehme deshalb an, daß im Lauf der Jahrzehnte die Athener durch Zwiſchenheiraten ſich allmählich mit den Chalkidiern vermiſcht und ſo ihr attiſches Bürgerrecht und damit den engen Zu⸗ ſammenhang mit Athen verloren haben. Fühlten ſie ſich aber einmal als Euböer, ſo konnten ſie auch leicht mit Athen in Zwieſpalt geraten und mit den Euböern gemeinſame Sache gegen ihre ehemalige Vaterſtadt machen. Freilich hätte dann die urſprüngliche Abſicht bei Gründung der Kleruchie den entgegen⸗ geſetzten Erfolg gehabt. Aber Parallelen aus der Geſchichte finden ſich genug; ich erinnere hier nur an die normanniſchen Barone in England, die mit den ſächſiſchen Großen ſich zu gemeinſamer Oppoſition gegen ihre Könige, die Söhne Wilhelms des Eroberers verbanden. So kann es uns nicht wundern, wenn die Chalkidier, nach Niederwerfung des Aufſtandes, förmlich zu Unterthanen der Athener gemacht werden. Hierüber haben wir eine wichtige Urkunde. Im Jahre 1876 wurde nämlich bei den Aus⸗ grabungen auf der Akropolis ein Stein gefunden, der die Unterwerfungsakte der Chalkidier enthält. Trotz einiger formalen Bedenken kann die Inſchrift ihrem Inhalt nach nur für das Jahr 445 in betracht


