Aufsatz 
Das Bildungsideal der Romantik
Entstehung
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Zeit, als habe auch jene innerliche Kultur der Persönlichkeit, die das 18. Jahrhundert gepflegt hatte, einen großen Teil ihres Wertes eingebüßt. Aber bereits hat sich ein Umschwung an- gebahnt. Ganz wie in den Zeiten der Romantik ertönt wieder in den weitesten Kreisen die leidenschaftliche Forderung, der Persönlichkeit ihr Recht werden zu lassen, aber auf Grund einer Neuauffassung des Lebens, das andere Orientierungen nötig macht. Mit dem ganzen Wirklichkeitssinn einer reichbewegten Zeit und mit der feinsten an der Naturerforschung geschulten Beobachtung geht man daran, auch das menschliche Wesen in seiner Tiefe zu er- fassen. Und hier tritt kein Ergebnis entschiedener hervor als die Wahrnehmung, daß inner- halb des persönlichen Lebens unausgleichbare Verschiedenheiten herrschen, und darauf gründet man die Forderung, daß vor allem Unterricht und Erziehung mit dieser Tatsache zu rechnen haben.

So hat W. Ostwald aus der biologischen Betrachtung bedeutender Persönlichkeiten die Erkenntnis gewonnen, daß die hervorragende Begabung sich immer in der Einseitigkeit zeigt. Daraus zieht er die Folgerung, daß bei jedem Schüler zunächst der Punkt gefunden werden müsse, wo er ein lebendiges Interesse fühle und daher auch etwas zu leisten vermöge. Als Aufgabe des Unterrichts darf nach seiner Ansicht nicht die gleichmäßige Erledigung eines Klassenpensums gestellt werden, sondern die Entwicklung möglichst vieler ausgezeichneter Individuen.

Noch entschiedener betont vom psychologischen Standpunkte aus die unaufhebbare Eigen- art des Menschen und die damit gegebene Begrenzung erzieherischer Wirkungen H. Bahr? in einem Aufsatz über die Freie Schule:Das Einzige, was Lehrer, Beispiel, Erziehung für uns tun können, ist: uns öffnen. Lehrer sind Menschen von einer aufweckenden Kraft, die durch ihr Wort, durch ihren Blick oder auch schon durch das geheimnisvolle Glück ihrer bloßen Gegenwart entbinden, was bisher in uns verschlossen lag. Mehr kann Erziehung nicht. Sie kann mich an mir verhindern, sie kann mich entmutigen, sie kann mich mir verleiden, oder sie kann mir zu mir selbst verhelfen. Aber sie kann mir nichts bringen, was ich nicht schon habe; sie kann nichts aus mir machen, was ich nicht selbst schon von allem Anbeginn bin. Was hilft mir alles, was der Lehrer weiß, wenn es meiner Art nicht gemäß ist?Jeder weiß nur für sich, was er weiß, hat Goethe gesagt. Und seit wir in diese Tiefe der Menschen- natur gedrungen sind, darf sich keiner mehr vermessen, sein eigenes inneres Gesetz, das nur für ihn gilt, anderen aufzudrängen, denen es sinnlos ist. Früher hat der Erzieher gesagt: Wie soll der Mensch sein und was muß ich also mit diesem Schüler anfangen, um jenen vor- geschriebenen Menschen aus ihm zu machen? Jetzt erkennen wir, die Frage war falsch. Denn jeder Mensch ist ein neues Versprechen, das nur er erfüllen kann, in seiner eigenen Art. So muß die Frage des Erziehers vielmehr die sein: Was ist dieser Mensch, dieser eine Mensch, und wie wird alles aus ihm, was er werden kann, und nur er, unter Millionen und Millionen Menschen, nur dieser eine Mensch?

Auch im Gebiet des sittlichen Handelns sieht sich der moderne Mensch ganz auf sich selbst gestellt. Das wachsende Bewußtsein von der Einzigartigkeit und Unvergleichbarkeit der Persönlichkeiten und ihrer tieferen ethischen Konflikte hat den Glauben an ein System zeitlos gültiger, absoluter Normen von Grund aus erschüttert. Ja eine einheitliche, allgemein verbindliche Regelung des sittlichen Lebens könnte, wenn sie möglich wäre, heute nicht ein- mal mehr als Wohltat empfunden werden.Uns erscheint der Gedanke entsetzlich, so

Vgl. W. Ostwald, Große Männer; vgl. auch: Die Forderung des Tages 1910 S. 306/7. Eine fein ab- wägende Besprechung seiner Kulturphilosophie gibt W. M. Becker in d. Grenzboten. 70. Jahrg. Nr. 33 35.

2 Vgl. Herm. Bahr, Austriaca.