Aufsatz 
Das Bildungsideal der Romantik
Entstehung
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die Persönlichkeit so entschieden aufgenommen, daß alle Einzelgebote bedeutungslos wurden. Regieret euch aber der Geist, so seid ihr nicht unter dem Gesetze sagt Paulus. ¹ In ethischer Umdeutung kehrt derselbe zuversichtliche Gedanke in den Monologen wieder:Ein einziger freier Entschluß gehört dazu, ein Mensch zu sein; wer den einmal gefaßt, wirds immer bleiben; wer aufhört es zu sein, ist's nie gewesen.²

So ist also das Bildungsideal der Monologen nicht lediglich aus philosophischem Nach- denken, sondern aus wirklichem persönlichem Lebenserwerb hervorgegangen. Von dieser Tat- sächlichkeit der Erfahrung her empfängt es auch seine über das ethische Gebiet hinaus reichende, noch immer erlebbare gestaltungwirkende Kraft. Der aus der Tiefe der Persön- lichkeit quellende Drang, den eigentümlichen Kern des Inneren zum Ausreifen kommen zu lassen, und die Forderungen des sittlichen Bewußtseins sind hier mit einer auf religiösem Boden gereiften Feinfühligkeit in einheitliches organisches Zusammenwirken gebracht. In dieser Bildung des individuellen Menschen erfährt erst die Bildung des humanen Menschen ihre Vollendung; aber im Bildungsverlauf tritt eine Verschiebung des Schwerpunktes ein. Auch Herder stellt der Bildung der Einzelpersönlichkeit eine hohe Aufgabe; er bemerkt an einer Stelle derBriefe z. Bef. der Humanitäts:Zum Besten der gesamten Menschheit, die jede mögliche Ausbildung und Vervollkommnung finden soll, kann niemand beitragen, der nicht aus sich selbst macht, was aus ihm werden kann und soll. Er meint damit: ein ganzer ein- zelner Mensch, aber nicht ein ganz einziggearteter Mensch, der in dieser Mischung der Wesens- elemente so nur einmal existiert. Vom Ideale der Humanität aus geht der Weg zur Harmonie des ganzen Menschen durch möglichst vielseitige Ausbildung alles Menschentümlichen in ihm, vom Ideale der Romantik aus zur vollendeten Darstellung des individuellen Menschen durch kraftvolle Entwicklung der in ihm angelegten Eigenart. In Herders Ideal hatte sich die mechanistische Persönlichkeitsauffassung der Aufklärung unter den biologisch-psychologischen Einwirkungen der Sturm- und Drangzeit und in Verbindung mit den neuhumanistischen Tendenzen zu einem Bilde freien harmonischen Menschentums emporgeläutert; Schleiermacher hat es aus persönlicher Lebenserfahrung und dem Geiste der Romantik heraus unter ethischer Auseinandersetzung mit dem philosophischen Idealismus verinnerlicht zu dem Ideale der Indivi- dualität. Gehört das erstere mehr der Vergangenheit an, so weist das andere in die Zukunft.

IV.

Von ganz entgegengesetzten Voraussetzungen wie am Ende des 18. Jahrhunderts ist in unserer Zeit ein starkes Gefühl für persönliches Wesen und für das Individuelle auch in der Bildungsaufgabe lebendig geworden. Jene literarisch-ästhetische und national-philosophische Epoche hat ein Zeitalter abgelöst, das von viel reicherem Wirklichkeitsgehalt erfüllt ist. Der ungeheure Aufschwung der Naturwissenschaft und der Technik, des wirtschaftlichen und poli- tischen Lebens hat die ganze Volkskraft im angespanntesten Maße auf das Gebiet äußeren Schaffens gerichtet. Wie man in diesem Jahrhundert der Arbeit mit den wesentlichen meta- physischen Voraussetzungen jener großen Geistesepoche gebrochen hatte, so schien es lange Gal. 5, 18.

² Mon. 35. Osc. Wilde hat sicherlich mit einiger Berechtigung, wenn auch nicht ohne Uber- treibung auf die Verwandtschaft zwischen christlichem und romantischem Geiste hingewiesen. In seinen Be- kenntnissen De profundis ist ein Abschnitt dem Thema gewidmet:Christus als Vorläufer der romantischen Be- wegung im Leben.(Herausg. v. M. Meyerfeld. Berlin 1906. S. 63 ff.). Hier findet sich sogar der Satz:Gesetze gab es für Christus nicht, nur Ausnahmen, als ob jeder und jedes auf der Welt seinesgleichen nicht noch einmal hätte. Das, was der Grundton in der romantischen Kunst ist, war für ihn die eigentliche Basis des natürlichen Lebens.

² Nr. 32. Hempelsche Ausg. S. 137.