Aufsatz 
Das Bildungsideal der Romantik
Entstehung
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und Seele und allem, was an und in mir ist, mich nur betrachten als Mittel für die Pflicht, und soll nur dafür sorgen, daß ich diese vollbringe, und daß ich sie vollbringen könne, so- viel an mir liegt.¹

In der kraftvollen Einseitigkeit dieser Forderungen klingt uns der eigenartige Idealismus des herben Denkers entgegen; aber wir empfinden zugleich die ungeheure Vergewaltigung persönlichen Wesens. Dem Sollen der Pflicht wird das Sein der ganzen Menschheit, dem er- habenen Gedanken die reiche Wirklichkeit rücksichtslos aufgeopfert. Fichte hält seinen Blick nur auf das Reich der Sittlichkeit und der Vernunft gerichtet; so entschwindet ihm die Fülle des persönlichen Lebens ganz aus den Augen. Schleiermacher dagegen begründet vom Stand- punkt des Individuums, des freien Ichs aus seine sittliche Welt; nun ist umgekehrt die Frage: wird bei der beherrschenden Stellung, die der Einzelpersönlichkeit eingeräumt wird, diese sitt- liche Welt uneingeschränkt zu ihrem Rechte kommen? In der Tat tritt hier auch eine gewisse Einseitigkeit zu Tage. Man sollte erwarten, daß die Persönlichkeit vor aller Selbstbestimmung entscheidende Antriebe zu ihrer Bildung aus der Gemeinschaft, in der sie lebt, aus dem Volks- ganzen und den historisch gegebenen Lebensanschauungen empfinge. Aber wie oben dar- gelegt ist weiß die Gesamtheit der Zeitgenossen nichts von wahrhaft sittlicher Bildung; sie geht in der lauten und ruhmredigen Arbeit an dem äußeren Werke der Menschheit, an der Herrschaft über die Natur und in rein utilitarischen Interessen völlig auf. Daher steht Schleiermacher zu dem Gemeinschaftsleben seiner Zeit in schroffem Gegensatze. Wenn nun aber einst das von ihm erhoffte Reich der Sittlichkeit anbrechen, wenn jeder Staat sein eigenes Gepräge und jedes Haus seine eigene ethische Gestalt tragen wird: wie wird es dann stehen mit der Freiheit der Individuen? Werden dann die in dem einzelnen angelegten Kräfte sich nicht gewisse Einschränkungen oder wenigstens eine besondere Bestimmung gefallen lassen müssen? Auf diese Frage erhalten wir in den Monologen keine Antwort; an die Möglichkeit einer Kollision zwischen dem einzelnen und der Gesamtheit ist nicht gedacht. Es herrscht die optimistische Überzeugung, daß der einzelne, der im steten Bewußtsein der Menschheit d. h. im Einklang mit der Vernunft handelt und sein Wesen entfaltet, sich immer auch in Übereinstimmung mit dem Gesamtwillen befinden muß.

Die Ablehnung aller objektiven Normen, die auch sonst hervortretende Einstellung ethi- schen Handelns auf die hochgeartete Sittlichkeit von Ausnahmenaturen scheint zunächst roman- tischem Freiheitsdrang und einem gewissen Mangel an Tatsachensinn entsprungen zu sein. In Wirklichkeit beruht sie auf der Eigenart der ihrer selbst gewissen sittlichen Persönlichkeit Schleiermachers. Diese aber ist in ihrer Grundlage von den frühen religiösen Erfahrungen im Kreise der Brudergemeinde wesentlich bestimmt worden. S. Eck hat in einer feinsinnigen Untersuchung? überzeugend dargelegt, wie der Individualgedanke Schleiermacher nicht erst im Berliner Freundeskreis aufgegangen, sondern von ihm bereits in der kirchlichen Gemein- schaft der Herrnhuter erlebt worden ist. Das unablässige Insichselbstschauen, das hier gepflegt wurde, die Lebensläufe der Brüder und Schwestern, die in den abendlichen Versammlungen zur Verlesung kamen, gewührten dem Menschenbeobachter einen überraschenden Einblick in die innere Struktur frommer, aber ihrer Anlage nach vielfach verschiedener Persönlichkeiten. Hier, in der Bildung und Entwicklung christlicher Charaktere, hat Schleiermacher zuerst Individuen werden sehen. Aber auch wohl seinen Standpunkt der Moral gegenüber hat er von diesem religiösen Kreise her gewonnen. In dem Bekehrungsakte, wie er hier den Ausgangs- punkt des eigentlichen christlichen Lebens bildete, war der Wille zu sittlichem Handeln in

¹ Fichtes sämtliche Werke II. 309. 310. ²2 S. Eck, Uber die Herkunft des Individualitätsgedankens bei Schleiermacher. Progr. der Universität

Gießen 1908.