Standpunkt einer höheren Moral, die nicht zur Erfüllung äußerer Gebote gestempelt sehen möchte, was den edelsten und tiefsten Regungen der Persönlichkeit entstammen muß. Und die Art, wie es ihm hier gelungen ist, Sittlichkeit und persönliche Freiheit oder— mit seinen Worten— das Bewußtsein der Menschheit und die Eigentümlichkeit des Ichs mit einander zu vermählen, stellt zugestandenermaßen sein großes Verdienst auf dem Gebiet der Ethik dar.
In jahrelangem Nachdenken hatte er sich mit der Sittenlehre Kants innerlich auseinander- gesetzt. Die Forderung des kategorischen Imperativs, der schechthin unabhängig von jeder Bedingung gebietet, konnte nach seiner Ansicht die sittliche Welt nicht hervorbringen; es klaffte ein Abgrund zwischen Neigung und Pflicht, zwischen Freiheit und Notwendigkeit. Auch Schiller hatte dies empfunden, und er hatte eine Versöhnung des Gegensatzes auf ästhetischem Wege zu schaffen gesucht. Der Kunst wies er die Aufgabe zu, den rohen Naturtrieb so zu veredeln, daß er der Pflicht keinen Widerstand mehr entgegensetzt. In der„schönen Seele“ ist jeder Konflikt aufgehoben. In ihr vollzieht sich die sittliche Handlung aus freier Neigung und mit einer Leichtigkeit, daß sie aussieht„wie eine von selbst sich ergebende Wirkung der Natur“. Schleiermacher suchte vom ethischen Standpunkt aus die Kluft, die Kant gelassen hatte, zu überbrücken. Er verlegt die Motive sittlichen Handelns in den Kern der Persön- lichkeit; an die Stelle der imperativischen setzt er eine organische Ethik. Darstellung der Menschheit, nicht Gehorsam gegen ein Pflichtgebot, nicht Ausübung einer Tugend, ist die Auf- gabe des Lebens; aber nicht in gleichartigem Handeln soll sie sich vollziehen, so wenig wie die Menschheit selbst eine innerlich gleichartige Masse ist. Jeder soll auf eigenartige Weise die Menschheit ethisch verkörpern: Damit ist das Eigentümliche, Individuelle in das Wesen der Sittlichkeit hineinverlegt, und damit ist zuerst— was Wundt! als das Verdienst von Schleiermachers Ethik bezeichnet— der Einzelpersönlichkeit eine berechtigte Stellung in dem Ganzen des sittlichen Lebens eingeräumt.
In was für eine andersgeartete ethische Welt sehen wir uns versetzt, wenn wir uns Fichtes Auffassung der Persönlichkeit zuwenden! Fast gleichzeitig mit dem Erscheinen der Monologen hatte dieser ein Lebensideal aufgestellt in der kleinen Schrift„Die Bestimmung des Menschen“. ² Für Fichte hat die Welt nur Wert als Material der Pflicht; die Einzel- persönlichkeit bedeutet ihm nur einen gleichartigen Teil der Menschheit, und ein völliges Untergehen des einzelnen in der Welt der Pflicht wird die höchste Aufgabe seines Strebens. In einer bezeichnenden Stelle finden wir das Bildungsziel zusammenfassend folgendermaßen dargestellt:„Ich soll meinen Verstand ausbilden und mir Kenntnisse erwerben, soviel ich irgend vermag; aber in dem einigen Vorsatze, um dadurch der Pflicht in mir einen größeren Umfang, und eine weitere Wirkungssphäre zu bereiten; ich soll vieles haben wollen, damit viel von mir gefordert werden könne. Ich soll meine Kraft und Geschicklichkeit in jeder Rücksicht üben, aber lediglich um an mir der Pflicht ein tauglicheres und geschickteres Werk- zeug zu verschaffen.—— Ich soll in mir die Menschheit in ihrer ganzen Fülle darstellen, soweit, als ich es vermag, aber nicht um der Menschheit selbst willen; diese ist an sich nicht von dem geringsten Werte, sondern um hinwiederum in der Menschheit die Tugend, welche allein Wert an sich hat, in ihrer höchsten Vollkommenheit darzustellen. Ich soll mit Leib Kraft“(M. 136).„Vermögen es die mancherlei Leiden niederzudrücken den Geist, daß er unfähig wird zu seinem eigensten innersten Handeln? Ihnen widerstehen ist ja auch sein Handeln, und auch sie rufen große Gedanken zur Anwendung hervor ins Bewußtsein“(Mon. 139).„Kräftige Verachtung gelobe ich mir gegen jedes Ungemach, welches das Ziel meines Daseins nicht trifft, und ewige Jugend schwöre ich mir selbst“(Mon. 140).
Wundt, Ethik. 2. Aufl. 1892. S. 377.
2² Schleiermacher hat zu der Schrift Fichtes in einer meisterhaften Rezension Stellung genommen: im Athe-
naeum III S. 281 ff.— Eine eingehende Vergleichung von Fichtes„Bestimmung des Menschen“ und Schleier- machers„Monologen“ ist durchgeführt von B. Pansch im Progr. des Realgymnasiums von Buxtehude. 1885.


