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fortschreitenden Menschen nach Liebe. Er mag alles gern in Gemeinschaft treiben; er bedarf „beim inneren Denken, beim Anschauen, beim Aneignen des Fremden die Gegenwart eines geliebten Wesens, daß gleich an die innere Tat sich reihe die Mitteilung“.“ Denn die Ge- müter sind einander„Nahrungsstoff“ für das innere Leben?; wer ihn entbehren muß, dem kränkelt in sich gekehrt die Phantasie; in träumerischem Irrtum muß sich ihm der Geist verzehren. Aber die so geartete Freundschaft kann nicht ihre Grundlage haben in der Teilnahme an äußerem Ergehen oder in weichem Empfinden. Ja Schleiermacher ruft aus: „Verderben dem, der ein weich Gemüt besitzt, wenn ihm ein Freund sich anhängt!“¹ Vielmehr kann sie nur da bestehen, wo das gemeinsame freie innere Wachstum als Aufgabe empfunden wird.„Das ist es, dessen ich mich höchlich rühme, daß Lieb und Freundschaft immer so edlen Ursprungs in mir sind, mit keiner gemeinen Empfindung je gemischt, nie der Gewohnheit, nie des weichen Sinnes Werk, immer der Freiheit reinste Tat und auf das eigne Sein des Menschen allein gerichtet.“? In der Gegenwart freilich findet er die Freundschaft zum bloßen irdischen Dienst entweiht; Erkenntnis mitzuteilen und Gefühle mitzuleiden, be- trachtet man vielfach als ihre höchste Aufgabe, anstatt daß Taten daraus hervorgehen, größer als jeder einzelne. Man sollte Verständnis für das innere Wesen des Freundes zeigen. Jeder sollte den andern freigewähren lassen, wozu der Geist ihn treibt; er sollte auch den not- wendigen Zusammenhang der Tugenden und Fehler im Wesen des Freundes begreifen. Geistige Gemeinschaft auf dem Grunde freier Wahrung der individuellen Verschiedenheit ist das Freund- schaftsideal des Romantikerkreises, und nur in solcher Freundschaft kann der eigenste Kern der Persönlichkeit zur Reife kommen.¹
Die eigentümlich romantischen Betätigungsweisen des menschlichen Geistes sind hier, wie wir sehen, zu Mitteln der Persönlichkeitsbildung umgeschaffen; von dieser Aufgabe ist das Spiel aller inneren Kräfte im strengsten Sinne beherrscht. In ebenso entschiedener Weise zeigt sich uns die Eingliederung des romantischen Moments, wenn wir das ethische Ziel ins Auge fassen. Die Bildung zur Eigentümlichkeit im Sinne Schleiermachers kann nur dann als sittliche Forderung auftreten, wenn das Individuelle einen überragenden sittlichen Wert hat. In der Tat gibt hier die eigenartige Willensbestimmtheit des menschlichen Innern den höchsten Maßstab für das Handeln ab, nicht das Sittengesetz an sich. In dieser Ethik gilt nicht die Herrschaft der Pflichtgebote.„Eitler Tand ist's im Reich der Freiheit Gesetze geben zu wollen“ tönt es uns aus den Monologen entgegen. Wenn man an einzelnen solcher Aussprüche haftet, kann es scheinen, als werde dem romantischen Individualismus eines Fr. Schlegel, der subjek- tiven Willkür des genialen Ichs, das Wort geredet. Aber es wäre das schlimmste Miß-— verständnis, wenn man aus diesen Gedanken auch nur leise Spuren der Zügellosigkeit heraus- lesen wollte. Schleiermacher wendet sich aufs entschiedenste gegen jeden eudämonistischen Egoismus, wie denn aus den Darlegungen der Monologen auch der ernsteste Wille zur Selbst- zucht spricht.“ Wenn er alle Pflichtgesetze aus seiner Ethik verbannt, so tut er dies vom
1 Mon. 48.
² Mon. 75. 76.
²³ Mon. 77.
4 Mon. 81. Vergl. auch E. Fuchs a. a. O. S. 356.
5⁵ Mon. 61. 62.
s Aus den reichen, differenzierten Freundschaftserfahrungen der Romantiker stammt so manches feine Wort. Zur Probe zwei Gedanken Fr. Schlegels:„Das Höchste ist, wenn zwei Freunde zugleich ihr Heiligstes einer in der Seele des anderen klar und vollständig erblicken und ihres Wertes gemeinschaftlich froh ihre Schranken nur durch die Ergänzung des andern fühlen dürfen. Das ist die intellektuale Anschauung der Freundschaft“.—„Das Bewußtsein der notwendigen Grenzen ist das Unentbehrlichste und Seltenste in der Freundschaft“.
7 Man vergleiche die Worte:„Wenn ich nur dies erreiche(die Vollendung meines inneren Wesens), was kümmert mich glücklich sein?“(M. 110).„Ein selbstgeschaffenes Ubel ist das Verschwinden des Mutes und der


