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bemerkt Goldstein,“— es könne einmal irgend einem, wenn auch dem größten der Ethiker, unbeschränkte Macht über das Leben gegeben werden. Lieber noch das Chaos, als den Reich- tum und die quellende Leidenschaft des Lebens in die alles verengende Ordnung eines Systems zwingen!“
So ist das Leben bei der unendlichen Vermehrung der Reibungsflächen viel mehr als je zu einem Wagnis der Persönlichkeit geworden. Diese in ihrer Eigenart herauszuholen, sorg- sam zu entwickeln und gegenüber allen mechanisierenden und verflachenden Einflüssen der Zeit zu festigen: das wird nunmehr als vornehmste Aufgabe der Menschenbildung erkannt. So bezeichnet Niebergall in einem unlängst erschienenen Buche,² das solcher Verinnerlichung der Persönlichkeit und des Lebens dienen will, die Aufgabe mit den Worten:„Man will, daß der Mensch er selbst bleibe, daß alles, was er tut und besitzt, innerhalb der Ich-Sphäre ver- laufe, statt daß es bloß durch ihn hindurch oder gar nur an ihm vorbeirennt. Er soll alles mit eigener Freude und selbstinnerlicher Beteiligung seines Gemütes als des Organs der Ge- fühle treiben und erleben. Auf Herausarbeitung eines eigenen Denkens, eigenen Fühlens und Wollens kommt es heute an; nur so ist der Mensch für die Uberpersönlichkeiten, also für Familie, Gesellschaft und Staat brauchbar, wenn er selbst eine Persönlichkeit geworden ist, die etwas Eigenes mit Freude und Glück erwirbt, besitzt und zum Ganzen beiträgt.“— In dieser Richtung liegt das Bildungsideal, um dessen Fixierung sich ein angesehener, verdienter Pädagoge, Prof. Dr. Gaudig, müht. Er verlegt„das Objekt der sittlichen Zwecksetzung“ in das Subjekt, in die Persönlichkeit selbst, in der alle Ideale sittlichen Strebens wie in einem Einigungspunkt zusammenfließen. ¹
Mit dieser Neuwertung der Persönlichkeit befinden wir uns wieder im Bereich des Individualitätsgedankens der Monologen. Als Rud. Haym im Jahre 1870 sein großes Werk über die romantische Schule verfaßte, bemerkte er in der Einleitung:„Im Bewußtsein der Gegenwart erfreut sich das, was man„romantisch“ nennt, keinerlei Gunst“. An diese Worte erinnert ein neuerer Romantikerforscher, um darauf hinzuweisen, wie völlig sie heute ihre Geltung verloren haben.„Wir müssen vielmehr bekennen, daß wir Modernen, wie kaum eine vorhergehende oder kommende Generation, die Melodien aus tiefster Seele nachsingen können, die die Romantik aus dem ewig klingenden Reiche des Denkens und Fühlens hervor- gezaubert hat.“4B In der Tat aus so manchen Gebieten geistigen Lebens dringen uns heute diese Klänge entgegen. Die romantische Welt des inneren Menschen ist uns wieder ganz nahe gerückt; das zeigen die zahlreichen Neuausgaben romantischer Schriften, das zeigt sich u. a. auch in der bedeutsamen Wirkung, die von neuromantischen Dichtern wie Maeterlinck und Hofmannsthal ausgeht. Nicht mehr von philosophischer Spekulation, sondern von der realen Welt der fünf Sinne herkommend, spürt die psychologische Forschung mit feinsten Tastorganen in das rätselvolle Gebiet des seelischen Lebens, ja bis in die schwerzugänglichen Bezirke des Unterbewußten hinein; alle die irrationalen Momente des persönlichen Lebens nimmt sie als etwas Naturgegebenes, auch wissenschaftlich Feststehendes hin. Aber aus dieser Erweiterung und Vertiefung des Menschenbildes entspringt zugleich für den einzelnen der wirksame Antrieb, das eigene Wesen aus allen seinen Tiefen einheitlich zu gestalten.
¹ Vgl. J. Goldstein, Wandlungen in der Philosophie der Gegenwart. 1911. S. 53.(In dem besonders lesens- werten Kapitel III: Der Zusammenbruch des Rationalismus).
² F. Niebergall, Person und Persönlichkeit. 1911. S. 132 u. 133.
² Vgl. die Aufsätze von H. Gaudig über:„Die Idee der Persönlichkeit und ihre Bedeutung für die Pädagogik“ in der Zeitschr. f. päd. Psychologie und experimentelle Pädagogik. 13. Jahrg. Heft 1 ff. Außerdem auch das Buch: Didaktische Präludien. 1909.
4⁴ W. Glawe„Die Religion Friedr. Schlegels“. 1906. S. 2.


