Aufsatz 
Das Bildungsideal der Romantik
Entstehung
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lichen Wesens. Sie ruht in ihren Voraussetzungen ganz auf romantischer Grundlage. Kein Gedanke findet sich in den Kreisen der Romantiker häufiger ausgesprochen als der von der Immanenz des Unendlichen im Endlichen. Des Menschen Wesen ist innerliche Unendlichkeit. Denke dir ein Endliches ins Unendliche gebildet, so denkst du einen Menschen, sagt Fr. Schlegel, in seinenIdeen¹, und Schleiermacher nennt in den Reden über die Religion die Individualität Ausdruck und Spiegel des Universums, selber unendlich. So erscheint im Sinne der Monologen als erste sittliche Lebensaufgabe des Menschen die freudige Bejahung seines im unendlichen Bewußztsein gegründeten Wesens. In der Entfaltung und Bildung dieses eigentümlichen Wesens vollzieht sich ein Stück der unermeßlichen Menschheitsgestaltung des Universums und ist zugleich der einzelnen Persönlichkeit eine unendliche Aufgabe gestellt. Unendlich ist heißt es im V. Monolog was ich erkennen und besitzen will, und nur in einer unendlichen Reihe des Handelns kann ich mich selbst ganz bestimmen. Von mir soll nie weichen der Geist, der den Menschen vorwärts treibt, und das Verlangen, das nie ge- sättigt von dem, was géewesen ist, immer Neuem entgegen geht.² In der immer eigen- artigeren und reicheren Ausgestaltung des Innern gibt es kein Altern, kein Fertigwerden, keinen Abschluß. Wer an dem Ziel der Vollendung angelangt wäre, der müßte inmitten des Reichtums der Welt, wo er in sich nichts mehr zu handeln hätte, vergehen.Ein ganz vollendetes Wesen ist ein Gott; es könnte die Last des Lebens nicht ertragen, und hat nicht in der Welt der Menschheit Raum.³

Wir bemerken im Ganzen dieses Bildungsverlaufs als einen hervorstechenden roman- tischen Zug die unendliche Beweglichkeit und Bestimmbarkeit des menschlichen Seelenlebens. Bildung bedeutet hier unablässiges Aufnehmen, um eine immer reichere Welt dem Innern einzugliedern, bedeutet unaufhörliches Fortschreiten, um von jedem neugewonnenen Standort aus die Eigenart der Persönlichkeit immer entschiedener zu gestalten. Das Ich haftet nicht in bestimmtem Kreise, es verbindet vieleWeltsysteme und bewegt sich um mancheSonne.* Hier ist jener innere Ausgleich nicht immer möglich, den Herder als den Vorzug der besten Menschen des Altertums rühmte, die Fähigkeit, dem Marmor des Lebens zu allen Verhält- nissen eine schöne Gestalt zu geben. Denn nicht das Typische der Menschheit mit seinen gleichmäßig geschwungenen Linien soll herausgebildet werden, sondern die eigenartige Einzel- persönlichkeit mit allen ihren Kanten, die nicht weniger durch Entgegensetzung als durch Assi- milation sich gestaltet und erhält.

Bei dieser Formung menschlichen Wesens spielt nun aber die Fähigkeit des Geistes eine führende Rolle, die dem Romantiker als die höchste und ursprünglichste erscheint, die Phantasie. Schleiermacher lehnt zwar den Titel eines Künstlers, soweit äußere Werke in Frage kommen, entschieden für sich ab; aber auch die anders geartete Tätigkeit inneren Bildens, wie er sie beschreibt, reicht in gewissem Sinne an künstlerische Tätigkeit heran. Der Menschheit in sich eine entschiedene Gestalt zu geben und in mannigfachem Handeln sie darzustellen: das ist nicht ausführbar ohne planvoll eingreifende Phantasietätigkeit. Sie hilft dem Menschen das wahre Bild seines eigentümlichen Selbst finden, sie führt ihm die innere Gestalt anderer Persönlich- keiten, fremder Zeitalter und Völker lebendig vor Augen; ja sie trägt erst den Geist über die Schranken der Wirklichkeit hinaus, sie stellt ihn ins Freie und in die ganze Weite des viel- gestaltigen Lebens. Wer nur auf das wenige, das ihn von außen wirklich anstößt, sein inneres Handeln richtet, der steht, in selbstgezogenen Schranken eingeengt, umsonst in der großen

Fr. Schlegel Ideen(Minor) 98. ² Mon. 144/145.

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4 Mon. 65.