11
Freundschaft, Ehe, Staat stehen überwiegend im Dienst fremder Zwecke. Bei dem gegen- wärtigen Sinn der Menschheit ist alles nur auf äußere Gemeinschaft gerichtet, und in dieser herrscht immer Beschränkung. Jene bieten nicht Hilfe und Ergänzung der Kraft zur eigenen Bildung, nicht Gewinn zu neuem inneren Leben; was der Mensch von heute suchet und findet in Freundschaft, Ehe, Vaterland, das ist nur vermehrter äußerer Besitz des Habens und Wissens, Schutz und Hilfe gegen Schicksal und Unglück, vermehrte Kraft im Bündnis zur Beschränkung der anderen(Mon. 85). In dieser trüben Gegenwart stellt dem nach Bildung und wahrer Gemeinschaft der Geister Strebenden die göttliche Phantasie eine bessere Zukunft vor Augen, eine Zeit, von der die Gegenwart noch gerade soweit entfernt ist, wie sie es von jenen Einder- jahren der Menschheit ist, da diese der wilden Herrschaft der Natur preisgegeben war. Diese Zeit wird einst kommen; ihr lebt Schleiermacher bereits als ihr prophetischer Bürger. Denn der Mensch gehört der Welt an, die er schaffen half, diese umfaßt das Ganze seines Wollens und Denkens; nur jenseits ihrer ist er ein Fremdling. Die Keime dieser schönen Zeit sind bereits vorhanden. Es gilt Mut zu fassen und zu hoffen. Schon erkennen sich„die Ver- schworenen einer besseren Zeit“ an der individuellen Eigenart ihrer Sprache und Sitte, und dereinst wird das Reich der Freiheit und Sittlichkeit sich verwirklichen. Einstweilen vollendet sich der einzelne in der Hingabe an die Aufgaben seiner Eigenbildung. Soweit sein Wesen fest in seiner Eigentümlichkeit abgeschlossen ist, wird er es mit der ganzen Einheit und Fülle seiner Kraft zu erhalten streben; zugleich aber wird er Neues und Mannigfaches immer wieder gerne aufnehmen, weil dadurch die Wahrheit seines Bewußtseins sich neu und immer anders bestätigt. Leid und Freud, Wohl und Wehe müssen dabei gleich willkommen sein, weil jedes auf eigene Weise den Zweck erfüllt und ihm die Verhältnisse seines Wesens offenbart.„Wenn ich nur dies erreiche, was kümmert mich glücklich sein?“¹ ruft Schleiermacher aus. Eine überschwengliche Zuversicht dem Schicksal gegenüber erfüllt die beiden letzten Monologen im Hinblick auf das hohe Ziel der Bildung. Denn das Schicksal kann die Mittel der Bildung nicht weigern; es kann den Menschen nicht entfernen aus der Gemeinschaft mit dem Tun des jetzigen Geschlechts und mit den Gestalten der Vergangenheit. Auch da wo fremde Freiheit oder die Mysterien der Natur der eigenen Freiheit eine Grenze setzen, da ermöglicht die Götter- kraft der Phantasie noch ein inneres Handeln und ersetzt, was der Wirklichkeit gebricht. So lebt der einzelne in stiller Verborgenheit doch auf dem grossen tatenreichen Schauplatz der Welt. Ja selbst das Alter soll sein inneres Wachstum nicht lähmen; denn unendlich ist die Aufgabe, und niemals wird er fertig sein.„So soll mir bleiben der Jugend Kraft und Genuß bis ans Ende. Bis ans Ende will ich stärker werden und lebendiger durch jedes Handeln, und liebender durch jedes Bilden an mir selbst. Die Jugend will ich dem Alter vermählen, daß auch dies habe die Fülle und durchdrungen sei von der allbelebenden Wärme.“¹
III.
Das unbegrenzte Streben einer hochgemuten sittlichen Persönlichkeit nach indiviqueller Ausgestaltung und Vollendung liegt in diesen Selbstgesprächen vor uns ausgebreitet.„Jeder Mensch ist ein einzeln gewolltes, auserlesenes Werk der Gottheit, das besonderer Gestaltung und Bildung sich erfreuen soll. Jeder soll auf eigne Art die Menschheit darstellen, in einer eignen Mischung ihrer Elemente, damit in der Fülle der Unendlichkeit alles wirklich werde, was aus ihrem Schoße hervorgehen kann.“ Von diesem Grundgedanken aus, dessen erstes Aufleuchten Schleiermacher so begeistert schildert, wird alles persönliche Erleben der Selbst- bildung dienstbar gemacht. Diese innere Bildung wird die höchste, unendliche Aufgabe mensch-
¹ Mon. 146.


