Aufsatz 
Das Bildungsideal der Romantik
Entstehung
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lichkeit als seinen Beruf ergriffen hat, für den wird alles, was Natur, Kunst und Leben ihm entgegenbringt, nur Mittel, das eigene Wesen klarer zu erkennen und zu gestalten. Es drängt ihn nicht Empfindungen und Gedanken zu kunstvollen Werken umzubilden, sondern aus ihnen heraus in freier Weise sich selbst zu bestimmen. Nicht die Einsamkeit, in der der Künstler bildet, sondern die Gemeinschaft, wo das eigene Wesen in Geben und Empfangen sich auf- schließt und bestimmt, ist das Feld für dieses Bilden des Inneren. Erst im lebendigen Menschen- verkehre vermag er sich seiner Individualität klar bewußt zu werden und sie reiner heraus- zubilden. Hier gilt es, bald sein inneres Selbst der Eigenart anderer Persönlichkeiten gegen- über zu behaupten, bald es dem fördernden Einfluß anderer zu öffnen; bald vollzieht sich das Fortschreiten der persönlichen Bildung in Selbstbewahrung, bald in Selbsthingabe. Ohne all- gemeinen Sinn, die universelle Empfänglichkeit für alles Menschliche außer uns und ohne Liebe, die Anziehungkraft der geistigen Welt ist sie nicht möglich.Wer sich zu einem persön- lichen Wesen bilden will, dem muß der Sinn geöffnet sein für alles, was er nicht ist.! Aber dies persönliche Wesen kann auch nicht werden, wachsen und reifen ohne die lebendige Be- rührung mit andern, ohne gegenseitiges Verstehen und Austauschen wertvollen Persönlichkeits- inhalts. So wird die Liebe als die sittliche Kraft zu solcher eigenen Bildung gepriesen.Kein eigenes Leben und keine Bildung ist möglich ohne dich, ohne dich müßzte alles in gleich- förmige rohe Masse zerfließen!? Nicht äußere Gründe, sondern das eigentümliche Sein des Menschen wird entscheidend für Liebe und Freundschaft.Wo ich Anlage merke zur Eigen- tümlichkeit, weil Sinn und Liebe die hohen Bürgen sind, da ist auch für mich ein Gegenstand der Liebe. Jedes eigene Wesen möcht ich mit Liebe umfassen, von der unbefangenen Jugend an, in der die Freiheit keimt, bis zur reifsten Vollendung der Menschheit; jedes, das ich so erblicke, begrüß ich in mir mit der Liebe Grußs Aber es gibt kein vollkommenes Ver- stehen und keinen Abschluß und keine Vollendung in der Freundschaft.Nur so viel Liebe kann ich dem andern beweisen, als er mich versteht. Oft wandeln die Menschen in nahen Bahnen, und kommen doch nicht einer in des andern Nähe.Wer seine Eigentümlichkeit bildet, vereinigt in sich auf eigene Art verschiedene Elemente der Menschheit; mehr als einer Welt gehört er an: wie könnte er in gleichförmiger Bahn mit einem andern wandelnd, der auch ein Eigener ist, in seiner Nähe immer bleiben?4 In dem Suchen nach Freundschaft zur Vollendung des innern Wesens gibt es also kein Ende;dem Kometen gleich bewegt sich der Gebildete um manche Sonne und verbindet viele Weltsysteme. Eine Vereinigung, ein Fest- halten in dem einen Kreise wäre nur möglich, wenn beidenin gleichem Maß Sinn und Liebe fast über alles Maß hinausgewachsen sind. Dann schlüge aber die Stunde des Todes. Denn für die, deren Persönlichkeit vollendet wäre und das gegenseitige Weiterbilden nicht mehr nötig hätte, wäre kein Raum mehr auf der Welt.

Um der eigenen Vollendung willen bedarf der Mensch des steten Zusammenlebens mit anderen, der sozialen Gemeinschaft. Soll aber schließlich in der ganzen Menschheit die höchste Summe aller Eigentümlichkeiten zur Erscheinung kommen und das wahre Reich der Sitt- lichkeit vollendet werden, so müssen die sozialen Gemeinschaften selbst in den Dienst dieser Bildung zu eigentümlicher Art treten.Das Individualprinzip muß zugleich Sozial- prinzip werden. Aber hier tritt uns die Tatsache entgegen, daß zur individuellen Geistes- bildung kaum ein schwacher Anhang gemacht ist. Alle zur Zeit bestehenden Gemeinschaften:

¹ Mon. 50. ² Mon. 51. ³ Mon. 62. 4 Mon. 65. 5 Schiele, Einl. zu den Mon. XXVII.