Aufsatz 
Das Bildungsideal der Romantik
Entstehung
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5 uns aber nur in Anlagen angeboren und muß uns eigentlich erst angebildet werden. Wir bringen ihn nicht fertig auf die Welt mit; auf der Welt aber soll er das Ziel unseres Be- strebens, die Summe unserer UÜbungen, unser Wert sein. Humanität ist der Schatz und die Ausbeute aller menschlichen Bemühungen, gleichsam die Kunst unseres Geschlechts. Die Bildung zu ihr ist ein Werk, das unablässig fortgesetzt werden muß, oder wir sinken, höhere und niedere Stände, zur rohen Tierheit, zur Brutalität zurück.

Seine weitere Ausgestaltung aber erhält dieses Bildungsideal, das an sich auf biologisch- psychologischer Grundlage beruht, durch den hohen Menschheitswert, den Herder der Kunst und Dichtung der Griechen zuweist. In ihren Werken, so führt er etwa aus, hat sich der Geist edlen Menschentums am reinsten dargestellt. In ihren Helden- und Göttergestalten haben sie alles Schöne, Vortreffliche, Würdige im Menschen zu seiner höchsten Bedeutung, zur obersten Stufe seiner Vollkommenheit, zur Gottheit hinaufgeläutert; sie haben das Göttliche im Menschen zum Gott emporgehoben. Sie haben die Menschheittheifiziert. So können sie uns also Führer zur Humanität werden. Jedes einzelne Werk, schon eine Ausgabe, eine Übersetzung, eine Er läuterung dieses oder jenes Dichters, Philosophen und Geschichtsschreibers gewinnt seine Bedeutung als Bruchstück des großen Gebäudes der Bildung unseres Geschlechts für unsere und die zukünftigen Zeiten, um den zarten Keim der Humanität in uns zu wecken.

Wir sehen: das Bildungsideal der Humanität ist geschaffen aus der Lebensstimmung der Sturm- und Drangzeit, aus der Auffassung des Menschen als eines originalen Naturwesens. In diesem liegt die Humanität schon im Keime beschlossen, den die Bildung des ganzen Menschen zur Entwicklung bringen muß. Ihre Krönung aber empfängt sie durch die hohen Vorbilder aus der Kunst und Dichtung der Griechen, dieden feinen Umriß in der Gestalt und Kunst des Lebens so klar und schön ausgedrückt haben, wie kein anderes Volk. In dieser ästhe- tischen Einordnung sind aber zugleich dem Bildungsstreben des Menschen gewisse Grenz- linien gezogen. Herder rühmt öfters das weise Maßhalten der Griechen².Sie meinten, keinen, auch nicht den edelsten Wunsch dürfe man übertreiben, seine menschliche Bestimmung müsse man erkennen und selbst bei dem wirksamsten Streben sich der hohen Haushaltung des Schicksals unterwerfen. Die Neueren dagegen, heißt es weiter, haben diesen sanften Umriß eines menschlichen Daseins ziemlich aus den Augen verloren, da sie so gern das Un- endliche im Sinne haben. Sie jagen nach Kenntnissen und Gefühlen, die über die menschliche Natur hinaus sind. Daher fehlt ihnen jene einfältig-schöne Gestalt, nach der die besten Menschen des Altertums strebten. Diese sahen ihr Daseinals einen Marmor an, dem sie zu allen Verhältnissen eine schöne Gestalt geben sollten; sie betrachteten ihr Leben als ein Saitenspiel, das mannigfaltig, aber immer harmonisch klingen müßte ³. Es stellen sich also noch als besondere Züge der im Geiste der Griechen durchgeführten Persönlichkeitsbildung heraus: innere Ausgeglichenheit und harmonische Ganzheit, eine gleichmäßige Bewältigung alles andringenden Lebensstoffes, der die bildende Kraft des Innern niemals versagt. So empfanden jene im Bereich des Asthetischen lebenden Geister Griechentum als höchstes, ab- geklärtestes Menschentum. Aus ähnlicher Anschauung sprach Goethe das ihm so manchmal verübelte Wort:Jeder sei auf seine Art ein Grieche, aber er sei's! Auch Wilh. von Humboldt hat sich ganz in den Dienst dieser neuhumanistischen Bildung gestellt. Ihm erschien in den Griechen die Idee des Menschen realisiert.Kein anderes Volk verband so viel Ein- fachheit und Natur mit so viel Kultur(Brief vom 1. Dez. 1792).

¹ Nach den Briefen z. Bef. der Humanität.

² Vgl. bes. den Aufsatz: Nemesis, ein lehrendes Sinnbild. Herausgeg. unter Kleinere Prosaschriften von Herder in Velh. u. Klasings Schulausgaben.

³ A. a. O. S. 24 u. 25.