II.
Fast ein Menschenalter nach den Anfängen des Sturmes und Dranges trat eine neue literarische Generation auf den Plan. Während die beiden genialsten der ehemaligen Stürmer und Dränger jetzt ihre reifsten Werke für die Ewigkeit schufen, begann eine neue Jugend auf ganz anderer Grundlage für die Zukunft zu bauen. Sieht man auf die revolutionäre Kühnheit, mit der diese jugendlichen Geister sich hergebrachten Grundsätzen entgegenstemmen oder auf das selbstbewußte Hervordrängen ihrer Persönlichkeit, so könnte man an eine Fort- setzung jener früheren Literaturrevolution glauben. Aber schon rein äußerlich zeigt sich ein Unterschied; hier ist eine viel geschlossenere Gruppe wie dort, bis zu gewissem Grade ein gemeinsames Programm(wenn auch nicht auf einem bestimmtem System beruhend), eine ge- meinsame Zeitschrift, ein gegenseitiges freundschaftliches Unterstützen. Bei tieferer Betrach- tung aber tut sich uns hier ein ganz anderes Weltbild auf. Die große Intuition für das neue Lebensgefühl kam aus der Philosophie Fichtes, der mit seiner Wissenschaftslehre einen kühnen Schritt über das System seines großen Lehrers Kant hinaus getan hatte. Dieser hatte ge- zeigt, daß unsere Erfahrung, unser Weltbild zum einen Teil von außen herstamme, zum andern aber durch die anschauende und denkende Tätigkeit unseres Geistes geschaffen werde; er hatte zwischen Erscheinung und Ding an sich unterschieden. Fichte wirft auch das Ding an sich über Bord; nicht einmal den Erkenntnisstoff will er der Außenwelt verdanken. Die Welt ist im Grund ein Erzeugnis des vorstellenden Geistes, des reinen Ichs. Dieses Ich er- schafft das Nicht-Ich, die Welt.— Von der Lehre eines Denkers wird gewöhnlich die Seite aufgenommen, die dem Grundzug der Zeit oder der Stimmung der Persönlichkeit entgegen- kommt. Hier trafen die Gedanken Fichtes auf eine Jugend, die in jener einen zu Grunde liegenden Intuition die Erfüllung ihrer tiefsten Ahnungen fand. Sie war in einer literari- schen, mächtig emporstrebenden Zeit aufgewachsen, hatte sich schon von früh auf an den Quellen der Poesie genährt, die Gefühls- und Phantasiewelt ihres Innern war viel reicher bewegt als irgend einer Zeit vorher, und ihr kritischer Kopf suchte die Fülle der seelischen Erlebnisse zu analysieren und zu sichten. Ein Geschlecht, das mit der Aufnahmefähigkeit der Jugend den Geist, wie Schiller sagt, in seiner flüchtigsten Erscheinung haschte, fühlte eine unendliche Welt in seinem Innern quellen. Was die Jugend im tiefsten Innern dunkel empfand, das war von Fichte als philosophische Erkenntnis ausgesprochen: Das menschliche Ich trägt in sich, erschafft aus sich die ganze Fülle der Erscheinungen. Hier erfährt, wie in der Sturm- und Drangperiode, die menschliche Persönlichkeit eine unermeßliche Steigerung. Aber unter wie ganz verschiedenen Voraussetzungen! Dort hat sie ihr Recht, ihre Kraft aus der Natur heraus; sie wächst aus ihr hervor, als eigengebildeter Keim über sie hinaus. Hier umfaßt sie die Natur und die ganze Welt, die aus ihr geschaffen wird, in sich.„Ist denn das Weltall nicht in uns?“ fragt Novalis.„Die Tiefe unseres Geistes kennen wir nicht. Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit der Welt.“ Der Mensch trägt eine Unendlichkeit in sich; für die innere Persönlichkeit kann es keine Begrenzung geben. So enthält der Bildungsprozeß eine nie zur Ruhe kommende Triebkraft. Klarer Umriß ist Einengung; nichts fürchtet der Romantiker mehr als Stillstand, das„Kleben auf einem Punkte“. Daher wird die unermeßliche Rezeptivität, die unablässige Aufnahme von Lebensstoff, um nur sein Ich zu erleben, Erfordernis für den Menschen. Es hat keine Zeit gegeben, für die das Wort Bildung mit solchem Zauber umkleidet war. Die Bildung erscheint als das einzige Mittel, um das höhere Ich zu finden. In ihren Dienst hatte sich die Zeitschrift„Athenaeum“ ausdrücklich gestellt; für Fr. Schlegel ist Bildung„das höchste Gut und das allein Nützliche“.„Jeder ungebildete Mensch ist eine Karikatur von sich selbst“; er versteigt sich zu dem Satze.„Unsere Bildung ist unsere Moral und unser Gottesdienst.“


