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Aus solchen Zeugnissen fühlen wir die mächtige Bewegung, die das Bildungsstreben in dem ganzen Geistesleben der Zeit hervorgebracht haben muß. Da aber die Dichtung in jener ganzen Epoche die Führung hat, so verstehen wir, daß die Bildungsauffassung sich hier in Anlehnung an die in der poetischen Welt wirksamen Anschauungen gestaltet. Mit dem eigen- tümlichen Weltgefühl und dem Bild von der geistigen Struktur des Menschen, wie es in der Dichtung sich darstellt, sind auch bestimmte Linien für die Bildung der Persönlichkeit ge- geben, und Verschiebungen hier entsprechen Wandlungen dort. So überträgt sich der Gegen- satz des Klassischen und des Romantischen auch auf das Bildungsgebiet; man kann als das klassische Bildungsideal das der Humanität bezeichnen, und das romantische das Bildungsideal der Individualität nennen. Das letztere versucht die folgende Skizze, hauptsächlich unter Anlehnung an die„Monologen“ Schleiermachers, in seinen wesentlichen Zügen darzustellen. Aber bei der überragenden Bedeutung, die dem Humanitätsideal für die ganze große Geistesepoche des 18. Jahrhunderts zukommt, erscheint es mir unerläßlich, zunächst auch dessen Grund-— linien kurz zu zeichnen; in dieser Gegenüberstellung wird zugleich die Eigenart der roman- tischen Persönlichkeitsauffassung und-Gestaltung noch klarer heraustreten.
I.
Neue Bildungsideale haben immer ihren tiefsten Grund in einem Neuerleben des eigent- lich Menschlichen. Ein solches Ereignis bedeutete die fundamentale Umwälzung, die die Zeit des Sturmes und Dranges in die Auffassungen des Lebens überhaupt gebracht hatte. Als bald nach 1760 Rousseaus Naturevangelium nach Deutschland drang, wurde es von einer selbst- bewußten, in den Stürmen der Friedericianischen Kriege aufgewachsenen Jugend begeistert aufgenommen. Nun erhob sich alsbald ein leidenschaftlicher Kampf gegen die Geltung der Regeln, gegen die Herrschaft des Verstandes. Freilich hatte die Aufklärung ihre Verdienste gehabt: so manche Unklarheit und Verworrenheit hatte sie aus dem Leben ausgetilgt, indem sie die Vernunft zur alleinigen Gesetzgeberin erhob; aber zur Führerin im Leben und zur Schöpferin von Kunstwerken hatte sie— wie man die Dinge jetzt ansah— sich unfähig er- wiesen. Rückkehr zur Natur bedeutete innerhalb der menschlichen Persönlichkeit Anerkennung aller vereinigten Kräfte des Innern, besonders aber der tiefgründigeren Qualitäten, des Ge- mütslebens, des Empfindens und Wollens. Auf dieser umfassenderen pyschologischen Grund- lage nun hat Herder ein neues Bildungsideal von größter Tiefe und Weite gestaltett. Der intellektualistischen Auffassung der Aufklärung stellt er seine organische Anschauung des Seelenlebens gegenüber. Die Psychologie wird von ihm auf Physiologie gegründet; Er- kennen entsteht für ihn aus Empfindung. Mit feinstem Einfühlungsvermögen weiß Herder alles Geschaffene, Gewordene, Erzeugte von der Seite seiner letzten natürlichen Bedingtbeiten zu erfassen. Wie sich ihm von hier aus die Dichtung der Völker und Zeiten erschloß, wie er das Volkslied, wie er Shakespeare zuerst in seinem wahren Gehalt und seiner eigenen Schönheit erfaßte, so hat er, um einen Ausdruck von ihm selbst anzuwenden, auch für das Menschliche überhaupt den Gesichtspunkt verändert, so daß sein Bild in ein volleres Licht, kommt. Er stellt die Forderung: Jeder soll seinen ganzen Menschen von innen aus organisch entwickeln, damit er das Ziel edlen Menschentums erreicht. Für dieses Erziehungsziel hat er den Begriff geprägt: Bildung zur Humanität, und er hat es in der vielseitigsten Weise, philo- sophisch und historisch begründet. So erläutert er den Begriff in seinen„Briefen zur Be- förderung der Humanität“(Nr. 27):„Humanität ist der Charakter unseres Geschlechts; er ist
¹ Eine eingehende, vortreffliche Darstellung des Herderschen Humanitätsideals hat neuerdings W. Jerusalem, in Aufgaben des Lehrers an höheren Schulen, 1912, S. 43 ff. gegeben. Vgl. auch Paulsen, Gesch. des gel. Unter- richts. II. 189 ff. 2. Aufl.


