Das Bildungsideal der Romantik. Von Prof. H. Kißner.
Bildung ist Formung, Gestaltung. Ursprünglich nur in sinnlicher Bedeutung gebraucht, dann auf das Gebiet des Organischen übertragen, erscheint dieser Begriff erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts allgemeiner in vergeistigter Auffassung: Bildung bedeutet jetzt Formung des inneren Menschen. Bildung wird das vielgenannte Wort für die harmonische Gestaltung des menschlichen Wesens, die sich zwar nicht ohne äußere Einwirkungen vollzieht, aber die bedeutsamste Aufgabe der plastischen Kraft des eigenen Inneren stellt.
Es gehört zu den charakteristischen Zügen unserer großen Dichterepoche, daß sie diesen Begriff erst eigentlich geschaffen hat. Für jene schöpferischen Geister ist zugleich das Er- schaffen ihres inneren Selbst das höchste Anliegen. Ihre Werke, immer reifer und gehalt- voller, wachsen fast wie natürliche Gebilde aus dem Kern einer immer reicher werdenden, harmonisch sich vollendenden Persönlichkeit hervor.„Zeitigung der Seele“, so nennt Schiller einmal die Arbeit an seiner inneren Bildung. Das eigene Wesen und die dichterische Kunst auf die tiefsten Grundfesten zu stellen: dahin geht das Streben unserer beiden größten Dichter. Goethe findet in Spinoza, wie er sagt, ein„Bildungsmittel für sein wunderlich Wesen, von wo aus sich ihm die große und freie Aussicht in die sinnliche und sittliche Welt eröffnet“, Schillers Wesen und Schaffen klärt sich erst an der eindringenden Beschäftigung mit Kant. Was Goethe einmal in den Gesprächen mit Eckermann als das Kennzeichen solcher Epochen rühmt,„in denen vorzügliche Menschen zu vollendeter Bildung gelangten, so daß es ihnen selbst wohl war und sie die Seligkeit ihrer Kultur wieder auf andere auszugießen vermochten“: wo bewährt sich das mehr als an unserer klassischen Dichtung? Sie umspielt jene„Heiter- keit und Klarheit“, in der sich die gefestigte Ruhe abgeklärter Persönlichkeiten offenbart. So vermögen unsere Dichter, unendlich fortwirkend, die Aufgabe zu erfüllen, die ihnen als die wesentlichste vorschwebte: Mittler hoher Welt- und Menschenbildung zu sein.
Das Bewußztsein, in viel tieferer Weise als andere Nationen dies Werk der Menschen- bildung in Angriff genommen zu haben, vermochte damals dem Deutschen ein Gefühl seines Wertes und seiner Zukunft zu geben. Schiller schrieb um 1800, in einer Zeit auffallendster politischer Ohnmacht l)eutschlands, die siegesgewissen Worte nieder:„Laßt euch nicht blenden; mag auch der Franke und der Brite jetzt die Welt beherrschen, der Deutsche wird sie doch einst beide überholen; seine Aufgabe ist, an dem Bau der Menschenbildung zu arbeiten, das Ideal der Menschen zu vollenden, nicht im Augenblick zu glänzen, sondern den großen Prozeß der Zeit zu gewinnen.“
¹ Schillers Werke, herausgegeben von Bellermann I. Einl. S. 95.


