Aufsatz 
Über den naturwissenschaftlichen Unterricht auf Gelehrtengymnasien
Entstehung
Einzelbild herunterladen

3=

Fachs in Stand zu ſetzen. Es iſt alſo Vorbereitungsſchule zur Univer⸗ ſität oder zur Fachſchule.

Einſeitige Bildung in einer ſpeciellen Wiſſenſchaft würde der Beſtimmung des Menſchen nicht entſprechen, würde nicht einmal ausreichen, den Studirenden zur Fortbildung ſeiner Wiſſenſchaft oder zu einem practiſchen Berufe vollkommen tüchtig zu machen, wenn er nicht die Idee eines allſeitig vollendeten Menſchen wenigſtens annäherungsweiſe in ſich verwirklicht hätte. Daher tritt zur eben feſt⸗ geſtellten Aufgabe des Gelehrtengymnaſiums eine zweite hinzu, die, ſeinen Schülern eine allgemein menſchliche Bildung zu geben. Es iſt ſomit auch Humanitäts⸗ bildungsanſtalt. Die erſte Aufgabe, die Vorbereitung zur Univerſität, voll⸗ endet das Gymnaſium, die zweite beginnt es, um ihre Fortführung der Univerſi⸗ tät und dem ſpätern Leben zu überlaſſen.

Die Entwickelungsſtufe, auf welcher ſeine Schuüͤler ſtehen, bringt es mit ſich, daß denſelben weder in geiſtiger noch in ſittlicher Beziehung Selbſtſtändigkeit zu⸗ zuſchreiben iſt. Es muß dieſe daher vorerſt zu erſetzen ſuchen, indem es die Nor⸗ men feſtſtellt, nach denen ſeine Schüler ſich bewegen, ihr Denken und Wollen regelt, und das geregelte unterſtützt. Dadurch wird es erziehende Anſtalt. Es wird dies im wahren Sinn des Worts, wenn es ſo verfährt, daß es von dem natürlichen Entwickelungsgang ſeiner Zöglinge unterſtützt, die ihnen mangelnde Selbſtſtändigkeit allmählig heranbildet, und ſo ſich ſelbe gewißermaßen überflüſſig zu machen ſtrebt. Durch dieſe Tendenz iſt die Verſchiedenhent ſoiver Wirkſamkeit in geiſtiger und ſittlicher Beziehung je nach den verſchledenen Altersſtuſen und Claſſen bedingt. Durch die erziehende Einwirkung tritt es in Gegenſatz zur Uni⸗ verſitaͤt, welche der Erziehung ſaſt ganz entſagt, und den Studirenden zur Uebung ihrer Selbſtſtändigkeit beinahe freien Spielraum läßt. In dem Geſagten iſt die Aufgabe des Gymnaſiums feſtgeſtellt.

Die beſtehende Einrichtung der Gymnaſien iſt eine ererbte. Die erſten Schulen der Art fanden die ſehr vollendete Litteratur des claſſiſchen Alterthums als faſt ausſchließliche Quelle aller wiſſenſchaftlichen Erkenntniß vor und benutzten ſie als ſolche. Sie thaten wohl daran, weil ſie hinſichtlich des Inhals nichts beſſeres hatten und hinſichtlich der Darſtellung eine unübertroffene Meiſterſchaft in ihr herrſchte. Das nothwendige Erlernen der beiden alten Sprachen konnte

1*