Aufsatz 
Die Herbarien im Königlichen Museum zu Kassel. Ein Beitrag zur Geschichte der Herbarien
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6

sollte durch Flaconer, welcher sein Herbarium auf seinen Reisen mit sich führte, die Kunst des Pflanzeneinlegens in Deutschland so allgemein bekannt geworden sein, dass Ratzenberger als angehender Botaniker davon hätte Gebrauch machen können? Auch für diese Annahme fehlen alle Anhaltepunkte. Vielmehr lässt sich schon aus dem Umstande, dass Ratzenberger von Jugend auf mit besonderer Vorliebe Pflanzenkunde studirte, auf eine gewisse Originalität bei ihm schliessen, die ihn sicher- lich auf selbständige Ideen brachte. Es dürfte darum nicht zu weit gegangen sein, wenn man ihn an dem Verdienst um die Erfindung der Herbarien mindestens participiren lassen wollte. Denn er besass factisch schon im Jahr 1559 nach seiner Rückkehr aus Italien ein Herbarium, bestehend aus den in Italien und während seiner Studienzeit in Wittenberg und Jena gesammelten Pflanzen. Doch vill ich die Frage, ob Ratzenberger die Kunst, Pflanzen gehörig aufzulegen und auf Papier zu befestigen, von andern gelernt oder selbständig ausgeübt habe, unentschieden lassen; das aber ist nicht zu bezweifeln, dass er unter den Deutschen, wenn nicht der erste, dann doch einer der ersten war, welcher die grosse Wichtigkeit der neuen Erfindung erkannte und deshalb davon Gebrauch machte, und dass das von ihm angefertigte, jetzt noch im Königlichen Museum zu Cassel befindliche Herbarium nach den bis jetzt bekannten geschichtlichen Nachrichten das erste ist, welches in Deutschland angefertigt wurde. Amuch ist er ebenso gewiss einer der ersten deutschen Gelehrten, welcher, indem er sein Werk Lebendiger Herbarius, Herbarium vivum nannte, dieser Bezeichnung zur Unterscheidung der wirklichen Herbarien von denKräuterbüchern mit Abbildungen in der Sprache Eingang verschaffte; denn, wie wir oben gesehen naben, hatten die Pflanzensammlungen von Flaconer, Cesalpini, Aldrovandi und Ferro, also die übrigen Sammlungen aus der Entstehungszeit der Herbarien, noch keinen besonderen Namen.

Die Sammlung Ratzenberger's muss, bevor er die später bekannt gewordenen Herbarien*) daraus zusammenstellte, schon eine gewisse Berühmtheit gehabt haben. Denn der bekannte Leonhard Thurneisser, welcher Chemiker, Mediciner, Botaniker, Mineralog, Astronom, Alchemist und, wer weiss, was alle war, reiste als Leibarzt des Kurfürsten von Brandenburg im Jahre 1580 von Berlin aus nach Naum-

*) Ausser dem in Rede stehenden Herbarium hatte Ratzenberger 1598 noch ein zweites, 4 Bände starkes Herbarium für die fürstliche Bibliothek in Gotha angefertigt. Dasselbe ist auch nach eingezogener Nachricht noch bis in die neuere Zeit dort aufbewahrt, dann aber entfernt worden, weil esgänzlich zerfallen und unbrauchbar geworden war.