Aufsatz 
Kants Ansicht von der Grundlage der Empfindung und Anschauung : im Anschlusse an die Kritik der reinen Vernunft und die Prolegomena / von A. Kessler
Entstehung
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Die Kantische Vernunftkritik geht von der Beobachtung aus, dass wir im Besitze synthetischer Urteile a priori sind; ihre Aufgabe ist, die Möglichkeit solcher Urteile, die allgemein- gültige und notwendige Erkenntnisse bedeuten wollen, zu er- gründen. Sie sind nicht gleichartig: den synthetischen Urteilen a priori mathematischen und naturwissenschaftlichen Charakters wird die Berechtigung ihres Anspruchs auf objektive Gültig- keit allgemein zugestanden, und sie können sich auch zur Unterstützung dieses ihres Anspruches darauf berufen, dass ihnen die Erfahrung jederzeit entspricht. Anders bei der Metaphysik im engeren Sinne, der Metaphysik des Ubersinn- lichen: der Hinweis auf eine unvermeidlicheNaturanlage zur Metaphysik ergibt noch nicht die objektive Gültigkeit ihrer Urteile, wie ja auchzu aller Zeit eine Metaphysik der anderen entweder in Ansehung der Behauptungen selbst oder ihrer Beweise widersprochen hat; eine Bestätigung durch Erfahrung darf sie ihrem Gegenstande entsprechend nicht erwarten; und so ist bei ihren Urteilen bis auf weiteres der Zweifel berechtigt, ob sie überhaupt Erkenntniswert haben, und ob nicht ihr Anspruch hierauf vielmehr Anmassung ist.

Da es nun, wenn die Vernunft zuvor ihr eigen Vermögen in Ansehung der Gegenstände, die ihr in der Erfahrung vor- kommen mögen, vollständig hat kennen lernen, leicht werden muss, den Umfang und die Grenzen ihres über alle Er- fahrungsgrenzen versuchten Gebrauches vollständig und sicher zu bestimmen so will Kant zunächst dartun, worauf die notwendige UÜbereinstimmung unserer apriorischen Erfah-

¹ Kr. d. r. V.(Reclam) Seite 656.