II. Einiges zur Geschichte des Bewegungsspiels.
Die Bewegungsspiele, wie wir sie pflegen und überall einführen möchten, sind ein alter Bildungs- stoff in neuem Gewande. Bei allen Völkern kennen die Kinder nichts Schöneres, als zu spielen, als in frischer Luft sich zu tummeln und ihre Kräfte zu messen. Zu allen Zeiten war es das Vergnügen der Knaben, zu laufen, zu springen, zu werfen, zu klettern und zu ringen, und die Mädchen freuten sich am Ringeltanz, am Hüpfen und Haschen.
Die bedeutendsten Schulmänner und Erziehungstheoretiker haben den Wert der Jugendspiele von jeher voll gewürdigt. Plato legte den Kinderspielen grosse Bedeutung bei; Aristoteles hielt es für vorteilhaft, wenn die Kinder bis zum 5. Lebensjahr von jeder ernsten Arbeit befreit und nur zu leichten Bewegungsspielen angeleitet würden.
Eine Anzahl Spiele reichen bis ins graue Altertum zurück. Abbildungen in den ägyptischen Felsengräbern lehren uns, dass schon vor 4000 Jahren ägyptische Mädchen die Goschicklichkeit hatten, 2 und 3 Bälle zugleich zu fangen. Nausikaa, des Phäakenkönigs Tochter, wird von Odysseus beim Ballspiel am Gestade des Meeres angetroffen.
Eine bedeutungsvolle Rolle spielen die Bewegungsspiele bei den Griechen. Die Olympischen Spiele waren ursprünglich Volksspiele im besten Sinne des Wortes. Später arteten sie allerdings in Athletik aus. Auch das kampflustige Volk der Römer war den Jugendspielen hold, und noch Kaiser Justinian empfahl anstatt der Hazardspiele Bewegungsspiele nach Art der alten griechischen.
Karl der Grosse kannte ebenfalls den hohen erzieherischen Wert des Spiels; er zeigte seinen Unterthanen den Weg, wie man sich durch fleissige libung in Bewegungsspielen gesund und munter erhalten kann; aber seine Anregung fand im Volk nur wenig Entgegenkommen. Erst zur Zeit des Rittertums gelangten die Bewegungsspiele wieder zu hoher Blüte. Die Turniere der Ritter waren von mächtigem Einfluss auf das niedere Volk. Die Bürger und Bauern übten sich im Fechten, Ringen, Bogenschiessen und Ballwerfen. Auch die Jugend war gern bereit, in fröhlichem Spiel die Kräfte zu messen, und mancher trieb fleissig Leibesübungen, um auf dem nächsten Volksfeste als Sieger gepriesen zu werden. Alle Tanzbelustigungen wurden durch Ballspiele eröffnet und unterbrochen, und in manchen Städten wurden besondere Gebäude für das Ballspiel errichtet.(Ballhäuser.) Die Erfindung des Schiess- pulvers vernichtete das Ritterwesen. Auch im Volke hörten jetzt die Leibesübungen auf. Die Reformation verlegte den Schwerpunkt des deutschen Volkslebens auf die Religion. Die Bildung des Geistes war fortan die Hauptsache. Erst Comenius betonte wieder den hohen Wert des Bewegungsspiels für die Jugenderziehung. Er wollte bei jeder Schule einen Spielplatz haben. Doch seine Anregungen gewannen keinen Boden. Die Greuel und das Elend des 30 jährigen Krieges liessen derartige Blumen, die nur Freude und Sonnenschein vertragen, nicht aufkommen. Auch die an Thorheiten und Ausschweifungen so reiche Zeit Ludwigs XIV. war dem Gedeihen der Jugendspiele wenig günstig. Erst Rousseau regte durch sein Aufsehen erregendes Streben nach„Rückkehr zur Natur“ den Spielbetrieb wieder an. Basedow, Salzmann, Rochow, Campe, Pestalozzi u. a. m. traten lebhaft für die Pflege der Bewegungsspiele ein und lenkten dis allgemeine Aufmerksamkeit des Publikums auf sie. Bahn- brechend für die neue Zeit wurde Guts-Muths mit seinem Spielbuch. Ihm folgte der Turnvater Jahn, der in der Hasenheide bei Berlin die Jugend mit Turnspielen belustigte und begeisterte. Spiess, der Schöpfer unsers heutigen Schulturnens, vertrat auch das Jugendspiel mit aller Energie. Ihm entstammt das Wort:„Es sollen unsere Kinder täglich zum Spiel geführt werden, wie zur Arbeit.“ Da erschien 1836 eine Schrift„Zum Schutz der Gesundheit in den Schulen“ von Lorinser. Sie erregte die Auf- merksamkeit der preussischen Regierung. König Friedrich Wilhelm IV. erliess ein Ministerial- Reskript(1842), worin er die Schäden des Volkslebens aufdeckte und die Schulen zu energischer Pflege des Bewegungsspiels anwies. Während dieser Zeit hatten auch Fröbel und andere den Gedanken des Jugendspiels ins Volk hineingetragen und vielfach Anklang gefunden. Da kam der grosse Krieg von 1870 mit seinen glänzenden Erfolgen. Er zeigte die Wehrhaftigkeit des deutschen Volkes und regte die Frage an, wie man dieselbe erhalten, ja noch steigern könne. Bei dem gewaltigen Aufschwung


