organe besitzt. Auf die planmässige Ausbildung des Laufens, beginnend mit dem Dauerlauf, wurde, als ich zu turnen anfing, ein besonderer Wert gelegt, und das L. aufen mit geschlossenem Munde bildete die Grundlage für eine durch anderweitige Übungen schwer zu ersetzende Ausbildung der Luftgefässe, namentlich ihrer feinen Verästlungen in der Lunge. Laufen mit geöffnetem Munde wurde nicht geduldet und immer dahin gestrebt, alle Ubungen möglichst mit geschlossenem Munde auszuführen.“
Das Bewegungsspiel führt ferner zur Bevorzugung kräftiger Nahrung; es steuert der Nasch- haftigkeit, schafft ein gesundes Nervensystem und ein normales Nervenleben, das sich in Gemüts- frische, in echt kindlicher Naivität und Freude zeigt und eine Hauptbedingung Lorperlicher Gesundheit ist.
Für unsere Jugend, die geistig ausserordentlich angestrengt wird, ist das Bewegungsspiel mithin von grösstem Nutzen.
2. Aber nicht nur das Kind hat Gewinn vom Bewegungsspiele, auch der Spielleiter, der Lehrer erfährt den Segen desselben. Wir wollen doch unsere Schüler und Schülerinnen ausbilden zu brauch- baren, in sich gefestigten Persönlichkeiten. Dazu gehört aber eine genaue Kenntnis der kindlichen Individualität, und diese gewährt uns das Bewegungsspiel. Im Unterrichte ist das Kind befangen, denn eine völlig fremde Welt thut sich da vor ihm auf. Da erscheint uns das Kind gar leicht unaufmerksam, träge, teilnahmlos und stumpfsinnig. Im Spiel ist die strenge Schulzucht aufgehoben. Das Kind
„bethätigt seine Kräfte in freiester Entfaltung“. Es sieht im Lehrer nicht mehr den strengen Gebieter, sondern den Spielgefährten und giebt sich ihm in ungezwungenster Offenheit und Natürlichkeit. Infolge- dessen hat der Lehrer nun Gelegenheit, die offene Seele des Kindes zu studieren, die Eigenheiten seiner Persönlichkeit zu beobachten, sein bisheriges Urteil zu korrigieren und seine Finwirkungen dem Wesen des Kindes besser anzupassen. Er lässt dann dem verkannten Schüler eine gerechtere Behandlung zu- kommen und erwirbt sich dadurch das Vertrauen und die Liebe desselben, die zur Mitarbeit im Unter- richte antreiben und so neues, schaffensfreudiges Leben hervorrufen. Auf diese Weise gilt auch vom Lehrer das Wort Schillers:„Und eine Lust ist's, wie er alles weckt.“(Wallensteins Lager.)
3. Dass die Bewegungsspiele auch für die grosse Gemeinschaft, für das ganze Volk grossen Wert haben, ist ohne weiteres einzusehen.
a. Man klagt jetzt, dass ein grosser Teil der städtischen Jugend zum Heeresdienste untauglich ist.
Die geringe Gelegenheit, welche in der Grossstadt die Jugend zum Spielen hat, rächt sich eben
im späteren Leben am ganzen Volke. Der grosse Einfluss des Bewegungsspiels auf die körper-
liche Entwickelung der Schüler äussert sich darin, dass ihm kerngesunde, kräftige, abgehärtete
Gestalten zu danken sind, die jederzeit bereit und fähig sind, den patriotischen Pflichten zu
genügen, dem Rufe des Kaisers zu folgen. Die Jugendspiele machen die männliche
Jugend aller Volksschichten wehrfähig, gesund und glücklich..
Sie haben aber auch ganz besonderen Wert für die weibliche Jugend. Aus dem bleichwangigen, abgespannten, an Migräne leidenden und mit anderen nervösen Zuständen behafteten Fräulein kann nie und nimmer die treue, selbstlose, aufopferungsfähige Lebens- gefährtin eines Mannes werden, mit dem sie Freud un Leid teilen, dem sie des Lebens Mühe und Last durch den Zauber ihres häuslichen Waltens erträglich gestalten, dessen Sorgen sie durch den erfrischenden Hauch ihres Humors, ihrer naiven Unbefangenheit verscheuchen soll.
Eine gesunde Anlage können Eltern dem Kinde nur dann mitgeben, wenn sie selbst geistig und körperlich vollkomimen gesund sind. Von der Intaktheit der elterlichen Organismen hängt die Stärke des Menschengeschlechts ab.
b. Bei den Bewegungsspielen kommen die Kinder verschiedener Lebenskreise zusammen.
Sie lernen sich schätzen und lieben; der unberechtigte Stolz der besser Gestellten schwindet
ebenso wie der Hass und Neid der Armen. Professor Dr. Koch in Braunschweig schreibt, dass
das gemeinsame Spiel in England, an dem sich die Vornehmsten und Geringsten beteiligen, nicht wenig zur Verminderung der schroffen sozialen Gegensätze beitrage. Wir beklagen immer die gehässige Gegnerschaft weiter Volkskreise gegen die höchsten Güter unseres
Volkes, ihre Feindschaft gegen Krone und Altar, ihre Vorliebe für das Internationale. Gemein-
sames Spiel der ganzen Jugend wird die sozialen Gegensätze mässigen und
zum reichen Segen für die ganze deutsche Nation werden.


