I. Bedeutuns des Bewegungsspiels.
„Im Spiel schafft sich das Kind seine eigene Welt.“ Das Spiel ist der Ausdruck des kindlichen Thätigkeitstriebes, die erste und natürlichste Reaktion der kindlichen Individualität gegen die unzähligen Eindrücke der Aussenwelt. Das Kind spielt, wenn es die Handlungen der Erwachsenen nachahmt, wenn es die einfachsten Gegenstände mit seiner Phantasie belebt und mit immer neuen Eigenschaften be- kleidet.„Kinder wissen beim Spiel aus allem alles zu machen“(Goethe).
1. Regen die Jugendspiele den Thätigkeitstrieb, die Phantasie und die Denkkraft schon in der frühsten Kindheit mächtig an, wo sie meist noch Einzelspiele sind, so wenden sie sich als Gesellschafts- spiele vor allem an den Willen des heranwachsenden Kindes. Jedes Spiel vollzieht sich nach gewissen Regeln und Gesetzen. Unter diese hat sich der einzelne zu beugen. Der Eigenwille, die Selbstsucht, die Empfindlichkeit des Kindes werden also zurückgedrängt. Der Zänkische muss verträglich, der Trotzige nachgiebig, der Hochmütige bescheiden, der Schmollende versöhnlich sein, wenn er im Kreise seiner Gespielen freudig aufgenommen werden will. So zwingt die Ordnung des Spiels die niederen Triebe der menschlichen Natur zu Boden und erzwingt willige Unterordnung unter gewisse Grundsätze, fröhliche Anerkennung der Autorität des Spielleiters, freies Handeln nach gewissen Gesetzen. Das Jugendspiel erzeugt kräftige Selbstbethätigung des sittlichen Wollens; es wird also zur Vorschule der Charakterbildung, gleichsam„die Elementarklasse der Lebensschule“, wie Schreber mit Recht die Spielzeit nennt(S. 80).
Diese Unterordnung des kindlichen Eigenwillens unter den Willen der Gesellschaft und unter die Gesetze des Spiels wird nun ausgeglichen und erleichtert durch den gegenseitigen Wetteifer der Kinder. Durch den Wechselverkehr der Kinder wird jeder noch so verborgene Funke der geistigen Individualitäten entflammt. Erfindungsgabe, Heiterkeit, Entschlossenheit, Mut, Stolz finden im Spiele ihre Rechnung. Körperliche und geistige Gewandtheit, Sinn für Ordnung und Reinlichkeit, für Schönheit, Genauigkeit und Gründlichkeit, Ausdauer in der Erstrebung eines Zieles, Verträglichkeit und Hilfsbereit- schaft werden durch das Spiel gefördert und gepflegt.„Viele Bewegungsspiele sind eine Schule der Abhärtung gegen Schmerz und Ungemach. Oft hängt der Erfolg von rascher Entschlossenheit und schneller Ausführung der in bestimmten Fällen zu ergreifenden Massregeln ab. Alle Spiele ohne Aus- nahme erfordern Aufmerksamkeit und üben dadurch die Sinne und die ausführenden Körperorgane wie auch die geistigen Kräfte.“
Denn mit den geistigen und sittlichen Wirkungen gehen die körperlichen Hand in Hand. Ein gutes, lebendiges Bewegungsspiel ist nur im Freien denkbar. Hier in der frischen Luft, im Sonnen- schein und unter blauem Himmel werden die Organe des Körpers mächtig angeregt, die Stimmung ist gehoben, auch unter der Staubplage haben die Schüler nicht zu leiden. Die Bewegungsspiele setzen die Muskeln in rege Thätigkeit. Diese Thätigkeit ist unendlich vielseitig. Die Schnelligkeit der Bewegung, hauptsächlich bei den Laufspielen, führt zu einer kräftigen Bethätigung der Atmungs- organe. Die Lungen schöpfen die frische Luft mit gesteigerter Energie; bis in die äussersten Spitzen füllen sie sich. Der Blutumlauf vollzieht sich viel rascher, die Blutbildung geht kräftiger vor sich, der Appetit wird angeregt, der ganze Stoffwechsel des kindlichen Organismus gewinnt durch die Bewegungsspiele. Natürlich steigert sich dadurch auch die Neubildung der Gewebe; die blassen Wangen werden rot, die Augen gewinnen einen kräftigeren Ausdruck, alle Bewegungen zeugen von Kraft und Gewandtheit, selbst das kindliche Wachstum bewegt sich in gesunden Grenzen.
Der frühere preussische Kultusminister, Herr von Gossler, der wie kein anderer Kultus- minister weder vor noch nach ihm sich der Förderung des Turnens annahm, hat dem Verein„Berliner Turnerschaft“ auf die ihm zugegangenen Mitteilungen über das letzte Vereinsjahr folgendes erwidert: „....... Was die Ubungen anbelangt, so ist mir als besonders wertvoll die Thatsache erschienen, dass das Wettlaufen wieder zu seinem Rechte gelangt. Ich habe oft bedauert, dass die Verlegung des Schwerpunktes des Turnens in die geschlossene Halle diesen Zweck des Turnens verkümmern liess, obwohl die Gymnastik des Laufens eine hohe Bedeutung für die Ausbildung und Kräftigung der Atmungs-


