Aufsatz 
Geschichte der hebräischen Sprache als lebende Sprache
Entstehung
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Lieder, die Pſalmen. Denn wohl beſitzen auch andere Völker, wie die Perſer und Indier, eine religiöſe Poeſie, doch nur Lieder, in welchen das Göttliche angeſtaunt und verherrlicht, aber keine Geſänge, in welchen die Empfindungen des Menſchen vor Gott und das Leben Gottes im Menſchenherzen dargeſtellt wird. Die Zahl der Lieder David's muß ſehr anſehnlich geweſen ſein, denn 73 Pſalm en tragen im hebräiſchen Text die Aufſchriftvon David, außerdem erkennen die Septuaginta ihm noch 14 andere zu, noch 3 werden in anderen Büchern der hl. Schrift ihm zugeſchrieben, ſo daß wir alſo mit Beſtimmtheit David als den Ver⸗ faſſer von mindeſtens 80 uns erhaltenen Pſalmen betrachten dürfen. Auch im zweiten Buche Samuels be⸗ finden ſich einige Lieder David's. Mannichfaltigkeit des Gegenſtandes, Kraft und Wahrheit der Gedanken, Innigkeit und Zartheit der Gefühle, Lieblichkeit der Bilder, Erhabenheit des Ausdruckes kennzeichnen ſeine Dichtungen, in welchen ſein Geiſt noch immer in der ganzen Welt von Geſchlecht zu Geſchlecht fortlebt. Alles, was die fromme lyriſche Begeiſterung Erhabenes, Jubelndes, Tröſtliches, Herzliches, Warnendes, Stär⸗ kendes, Belehrendes hervorgebracht, iſt in den Mund David's gelegt und tönt aus ſeinem Pſalter.(Görres, Mythengeſch. II, S. 473). Da jedoch die Lieder David's nicht immer ſogleich aufgezeichnet wurden, ſondern anfangs im Munde des Volkes und der Leviten fortlebten(Ewald, poet. Bücher d. A. T. 1, S. 180 ff.), auch in die Sammlung der Pſalmen nur diejenigen aufgenommen wurden, welche ſich zum öffentlichen Gottesdienſte eigneten, ſo mögen gar manche dem Gedächtniſſe entſchwunden ſein.

David war nicht der einzige Pſalmendichter. Sein Beiſpiel rief einen lebhaften Wetteifer im Dichten hervor und regte die hervorragendſten Geiſter zur Nachahmung an¹¹), ſo beſonders Aſaph, den Seher, und ſeine Nachkommen und die Söhne Core's(Scholz, Einl. III, S. 82. Haneberg, Geſch. d. Offenb. S. 309). Von den Dichtungen dieſer beiden Sänzerfamilien ſind zwar leider nur ungefähr je 12 Pſalmen erhalten, der poetiſche Werth derſelben bietet jedoch einigen Erſatz für die geringe Zahl. Erſtere ſind vortreffliche Lehrgedichte und bilden ſtets ein wohldurchdachtes Ganzes, letztere zeichnen ſich durch die Gluth der Phantaſie und die Großartigkeit der Bilder aus(vgl. Herder, Geiſt d. ebr. Poeſie II, S. 242 ff.). Auch Moſes, Salomon und Ethan der Esrachite werden als Verfaſſer von Pſalmen namentlich angeführt. Von 34 Pſalmen ſind die Dichter unbekannt, der Talmud nennt ſie darumverwaiste Pſalmen. Ein Theil derſelben mag der glanzvollen Regierung des Ezechias(725 696 v. Chr.) angehören, in welcher auch die herrlichen Pſalmen 45. 48. 75. 76. 81. 87 entſtanden ſind. Einige ſtammen aus der exiliſchen, ja ſelbſt der nacheriliſchen Zeit, vorzüglich aus der erſten Zeit des zweiten Tempels.

§ 14. Unter der Regierung Salomon's bildete ſich ein neuer Zweig der Poeſie aus, die Weisheits⸗ oder Lehrdichtung. Man beſchränkte ſich nicht darauf, die geoffenbarten Wahrheiten zum Gegenſtande des Denkens und Erkennens zu machen, ſondern ſuchte ſie auch auf die Verhältniſſe des menſchlichen Lebens an⸗ zuwenden. Die Lebensregeln, welche ſich hieraus für das ſittliche Wollen und Handeln des Menſchen ergeben, faßte man dann in kurze, körnige Sentenzen oder Sprüche. Dieſelben ſind alſo nicht Nationalſprüche oder Volksſprüchwörter(Eichhorn, Einl. V,§ 630), ſondern eine Frucht des Nachdenkens über das göttliche Geſetz und ſeinen Einfluß auf das religiöſe Leben des Menſchen. Durch Salomon, welcher durch ſeine Weisheit und Kenntniſſe die Bewunderung aller Völker erregte(III Kön. 10; vgl. Scholz, Einl. I, S. 173 ff.) und als Träger der Wiſſenſchaft unter den Israeliten erſcheint, wurde die Spruchdichtung am meiſten ausgebildet, und darum gilt er als der Repräſentant dieſer Dichtungsart. Von dem BucheSprüche Salomons rührt der größte Theil von ihm her; nur der demſelben beigefügte Anhang(Cap. 30 und 31) enthält Weisheits⸗ lehren von zwei anderen Spruchdichtern, Agur und Lemuel. Salomon iſt ferner der Verfaſſer des Hohen⸗ liedes, einer tiefſinnigen Allegorie auf den Liebesbund Gottes mit ſeinem auserwählten Volke, und des Pre⸗ digers(Kohelet), in welchem in poetiſch rhetoriſcher Form zuſammenhängende Lehren der Weisheit vorgetragen werden. Dies ſind jedoch nicht die einzigen Blüthen ſeines reichen Dichtertalentes, vielmehr wird uns III Kön. 4, 32.

¹⁰) Nach Amos 6, 5 dichtete man ſogar weltliche Lieder nach den davidiſchen Vorbildern.