Aufsatz 
Geschichte der hebräischen Sprache als lebende Sprache
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

glauben, der Andrang mächtiger(ariſcher) Völker habe Abraham gezwungen, ſich andere Wohnſitze aufzuſuchen. Nach I Moſ. 11, 31 vgl. mit 15, 7 darf man annehmen, Abraham habe einem ſeine Bewahrung vor dem Götzendienſte bezweckenden göttlichen Befehle folgend ſeine Heimath verlaſſen. Nach Canaan gelangte er erſt nach einem längeren Aufenthalte zu Harand), woſelbſt ſein Vater ſtarb.

Die Bewohner Canaans, die Canaaniter, von den Griechen und Römern Phönicier genannt, waren Nachlommen Canaan's, eines Sohnes Cham's(I Moſ. 10.), gleichwohl aber war ihre Spracheé) ſemitiſch, und zwar ſo unverkennbar, daß Winer(bibl. Real⸗Wörter⸗Buch, Art. Cananiter) deshalb ihre Abſtammung von Cham beſtreitet. Die Völkerkunde Moſis geſtattet uns jedoch nicht, dieſer Anſicht zuzuſtimmen, um ſo weniger, da den Israeliten der Urſprung des Volkes, in deſſen Mitte ſie ſich niederließen, wohl bekannt ſein mußte. Uebrigens ſind wir durchaus im Stande, dieſe Erſcheinung zu erklären, ohne uns mit der berühmten Völkertafel in einen Widerſpruch zu verwickeln. Die Ureinwohner Paläſtina's waren nämlich allem Anſcheine nach ſemitiſchen Urſprunges und zwar nach den Andeutungen der Völkertafel und den arabiſchen Berichten über die Völker der Urzeit Nachkommen Lud's, des vierten Sohnes Sem's(Knobel, Völkertafel, 22). Als Ueberreſte dieſer älteſten Bewohner Paläſtina's werden von den neueren Gelehrten(Bertheau, Ewald, Lengerke, Baur, Knobel, Delitzſch, Schultz) die in der heil. Schrift erwähnten Rephaiten(Ennalim, Avvim, Emim, Suſim oder Samſumim),, die Choriter, die Keniter, die Keniſſiter und die Kadmoniter betrachtet. Die Cana⸗ aniter, welche bei Abraham's Einzug das Land inne hatten, waren alſo keine Autochthonen¹⁰), ſondern Ein⸗ wanderer in das nach ihnen benannte Land. Der Zeitpunkt dieſer Einwanderung läßt ſich nicht beſtimmen, muß aber jedenfalls in eine ſehr frühe Periode verlegt werden, da die Erinnerung der Canaaniter uns hierüber nichts bewahrt hat, und die Völkertafel ſie nahe an das Zeitalter Noe's rückt. Ueber die Einwanderung ſelbſt aber geben uns außer der heil. Schrift die alten Geſchichtſchreiber hinlängliche Aufſchlüſſe. Herodot(1, 1; VII, 89), Strabo(I, 2, 35 p. 42; XVI, 3, 4 p. 766; XVI, 4, 27 p. 784), Juſtin(XVIII, 3) und die Scholien zu Homer. Odys. IV, 8185 bezeichnen nämlich das Gebiet nördlich um den perſiſchen Meerbuſen (erythräiſches Meer), alſo den eigentlichen Heerd der chamitiſchen Völker, als die urſprüngliche Heimath der Canaaniter ¹¹); auch arabiſche Schriftſteller wiſſen von einem Aufenthalte der Canaaniter um den perſiſchen Meerbuſen in der älteſten Zeit, und wenn Czechiel(16, 29; 17, 4) ChaldäaLand Canaan nennt, ſo deutet er offenbar darauf hin, daß Chaldäa die älteſte Heimath der Canaaniter war. Hier vermittelten ſie wahrſcheinlich den Handelsverkehr zwiſchen Babylon und Indien und betrieben den Land⸗ und Flußtransport vom perſiſchen Meerbuſen nach Babylon, dem Mittelpunkte der alten Cultur. Durch Erdbeben veranlaßt, wie Juſtin berichtet, vielleicht auch durch die Ausdehnung des Welthandels nach Weſtaſien verlockt, zogen ſie an die Küſte des mittelländiſchen Meeres. So brachten ſie alſo entweder die ſemitiſche Sprache mit, oder ſie nahmen dieſelbe von den ſemitiſchen Urbewohnern Paläſtina's an. Erſteres erſcheint bei den nun erwieſenen nahen Beziehungen des Phöniciſchen zu dem Aſſyriſchen, ſowie der Aehnlichkeit der Cultur und Religion der Phönicier mit der aſſyriſchen als höchſt wahrſcheinlich, obwohl auch letzteres nicht gerade unmöglich geweſen

³) Bei den Griechen und Römern KAGO l, Carrae, im nordöſtlichen Meſopotamien, eine ſtarke Tagereiſe ſüdöſtlich von GSeeſſa, bekannt durch die Niederlage und den Tod des M. Lic. Craſſus 53 v. Chr.(Dio Cass. 40, 25). Noch ſind Ruinen deſſelben vorhanden..

) Ueberreſte der phöniciſchen Sprache finden wir in(über 350) Inſchriften und auf Münzen, außerdem haben lateiniſche und griechiſche Schriftſteller uns noch einzelne Wörter und Texte bewahrt. Das Hauptwerk der phöniciſchen Sprachwiſſenſchaft iſt Gesenius, scripturae linguaeque Phoeniciae monumenta. 3 partes Lips. 1837, welches jedoch von den Inſchriften nur die bis 1837 bekannt gewordenen(77, darunter 4 nicht phöniciſche) enthält. In neuerer Zeit behandelte dieſen intereſſanten Gegenſtand in eingehender Weiſe Paul Schröder, die phöniciſche Sprache, mit 22 Tafeln. Halle 1869.

¹⁰) Daß ſie Autochthonen ſeien, ſuchten beſonders Hengſtenberg(de rebus Tyriorum p. 93.) und Movers(die Phönicier, 2 B. J. Abth. S. 25 ff.) zu begründen, während von neueren Schriftſtellern deren Einwanderung als eine ausgemachte Sache betrachtet wird(Knobel, Völkertafel S. 310 ff. Schröder, a. a. O. S. 4 ff.).

¹¹) Movers a. a. O. beſtreitet zwar die hiſtoriſche Glaubwürdigkeit dieſer Berichte, doch ſind dem einſtimmigen Zeug⸗ niſſe des Alterthums gegenüber ſeine Gründe nicht ſtichhaltig(Schröder, a. a. O. S. 5).