Aufsatz 
Geschichte der hebräischen Sprache als lebende Sprache
Entstehung
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Von den ſemitiſchen Sprachen überhaupt, von dem Vaterlande, dem Namen, dem Alter, dem Reichthum und der Bildungsfähigkeit der hebräiſchen Sprache.

§ 2. In ganz Vorderaſien, in den Ländern vom Mittelmeere bis zum perſiſchen Meerbuſen und über den Euphrat und Tigris hinaus, vom Taurus bis zur Südküſte Arabiens, außerdem noch in Abeſſinien, an der karthagiſchen Küſte und auf mehreren Inſeln des mittelländiſchen Meeres herrſchte urſprünglich ein großer Sprachſtamm(Knobel, Völkertafel, S. 132), von anderen Sprachſtämmen nach Bau und Charakter durchaus verſchieden. Seit dem vorigen Jahrhundert pflegt man ihn den ſemitiſchen²) zu nennen, weil die meiſten demſelben angehörenden Völler nach der Völkertafel(I Moſ. 10.) Sem zum gemeinſchaftlichen Stammvater haben. Es iſt nach der gründlicheren Erforſchung der ſemit ſchen Sprachen höchſt wahrſcheinlich, daß dieſelben aus einer gemeinſchaftlichen Urſprache ſich entwickelten, deren Wurzeln wohl einſilbig waren(vgl. Ewald, Lehrb. d. hebr Spr. S. 23. Olshauſen, Lehrb. d. hebr. Spr.§ 9. W. v. Humboldt, über Verſchiedenh. des menſchl. Sprachbaus, Vorr.*. Kawi⸗Sprache,§ 25. Luzzatto, storia della ling. ebr. p. 81. Wiſemann, Zuſammenhang zwiſchen Wiſſenſchaft und Offenbarung, S. 81 ff.; den praktiſchen Nachweis im Einzelnen liefert Julius ſt in ſeinem hebr. und chald. Lexikon. Leipz. 1857), ferner daß di ſe Urſprache anfänglich in engere Grenzen eingeſchloſſen war. Nach den Angaben der heil. Schrift([ Moſ. 8, 4 u. 11, 1 9) verbreiteten ſich die ſemitiſchen Völker vom Nord⸗Oſten des Tigris aus zunächſt in der Ebene zwiſchen Euphrat und Tigris(Knobel, a. a. O. S. 109 ff.). Dieſe Gegend haben wir alſo als den Sitz der urſemitiſchen Sprache vor ihrer Spaltung in Dialekte zu betrachten, und von hier aus dehnte ſich dieſelbe weſtlich über Paläſtina, nördlich bis nach Armenien und ſüdlich über Arabien und Aethiopien aus. Aber gerade deſe Vebreitung über weite Länder und die dadurch bedingten verſchiedenar⸗ tigen örtlichen und klimatiſchen Verhältniſſe, die nationalen Eigenthümlichkeiten der einzelnen ſemitiſchen Völker, mann(Hebraici sermonis elementa cum illius historia brevissima, Jenae 1760). Hetzel's Geſchichte der hebr. Sprache und Literatur, Halle 1776, iſt vielfach flüchtig und nun veraltet. Dan. Christ. Ries(prof. in elect. universi- tate Mogunt.) linguae hebraeae philologia critice exposita, Mog. 1785, iſt nur ein kurzer Leitfaden für Studirende. Sam. Fr. G. Wahl, allgem. Geſchichte der morgenl. Sprachen und Literatur, Leipz. 1784, behandelt die hebr. Sprache ſehr kurz, überdies in rationaliſtiſcher Manier. Letzteres gilt natürlich auch von Geſenius in ſeiner Geſchichte der hebr. Sprache und Schrift. Leipz. 1815, doch iſt dieſe noch immer ſchätzenswerth. Ein recht klarer Auszug davon(von A. G. Hoffmann mit einer ge⸗ wiſſen Selbſtſtändigkeit angefertigt, polemiſirend gegen Ewald) findet ſich in der Encyclopädie der Wiſſenſchaften und Künſte von Erſch und Gruber, 2. Sekt. 3. Th. Ein der Wahl'ſchen Geſchichte der morgenl. Sprachen ähnliches Werk ſchrieb der Profeſſor des Hebräiſchen an der Sorbonne, E. Renan, un er dem Titel: histoire générale et systeme comparé des langues sémitiques. Tom. I.(der 2. Thl. iſt noch nicht erſchienen) 2. 6d. Par. 1858. Der auf das Hebräiſche ſich be⸗ ziehende Theil dieſes preisgekrönten Werkes beruht ſeinem Hauptinhalte nach auf den Forſchungen deutſcher Gelehrten und zwar in ganz einſeitiger Weiſe jener der rationaliſtiſchen Richtung. Leider nimmt auch Fürſt in ſeiner ſehr ausführlichen, jedoch nicht klar geordneten Geſchichte der bibliſchen Literatur, 2 Bde. Leipz. 1867.70, den Standpunkt des flachſten Rationalismus ein. Außerdem behandeln auch die Enleitungswerke vielfoch die Geſchichte der hebr. Sprache, beſonders die von Eichhorn (5 Bde. Göttingen 1823.24.), Hävernick(5 Bde. Erl. 1836 48), Scholz(3 Bde., Köln 1845 48), Keil(Frankf. a. M. 1859), desgleichen die Lehrbücher des Hebräiſchen, wenn auch in kürzerer Weiſe, wie die von Ewald, Luzzatto, Ols⸗ hauſen, Bickell, Kaulen(Vofen). Die einſchlägige ſehr ausgedehnte Literatur ausgiebig zu benützen, war dem Ver⸗ faſſer bei ſeiner Entfernung von einer an orientaliſcher Literatur reichen Bibliothek und der Kürze der ihm zugemeſſenen Zeit leider nicht möglich.

²) Dieſer Name wurde hauptſächlich durch Schlözer(im Repertorium für bibl. u. morgenländ. Lit. VIII. S. 161 ff.) und Eichhorn(allg. Biblioth. d. bibl. Lit. VI. S. 772 ff.) empfohlen. Die Kirchenväter, beſonders der hl. Hieronymus und ältere Theologen gebrauchten den richtigeren Namenorientaliſche Sprachen.(Geſenius, Geſchichte d. hebr. Sprache§ 4). Zwar iſt die Bezeichnungſemitiſcher Sprachſtamm nicht ganz zutreffend, denn die Phönicier, deren Sprache doch ent⸗ ſchieden zu den ſ mitiſchen gehört, ſtammen nach I Moſ. 10. von Cham ab. Sie iſt jedoch jetzt allgemein angenommen, da ein gemeinſamer antiker Name für alle jene Sprachen mangelt.