Aufsatz 
Geschichte der hebräischen Sprache als lebende Sprache
Entstehung
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Geſchichte ſer fiebräiſcten Sprace als lebender Sprache.

Von Chriſtoph Joſeph Kempf.

Einleitung.

§. 1. Unter den Hauptzweigen des ſemitiſchen Sprachſtammes wurde aus mannichfachen Gründen, wiſſenſchaftlichen und religiöſen, ſtets dem Hebräiſchen eine bevorzugte Aufmerkſamkeit zugewendet. Hinſicht ich ihres Alters zählt ſie zu den älteſten Sprachen, in welchen die Menſchen ihre Gedanken ausdrückten, und indeß die literariſchen Schätze der übrigen alten Völker faſt ſpurlos verſchwunden ſind, reichen die ſchriftlichen Denkmäler in dieſer Sprache in ein ſehr hohes Alter zurück, ſie überragen die Zendbücher der Perſer um tauſend, die Sanskritliteratur um mehrere hundert Jahre.(Delitzſch, Comment. über d. Geneſis, S. 5.) Betrachtet man dieſe Bücher auch nur als hiſtoriſche Urkunden, ſo ſind ſie doch wegen ihrer Berichte über die Erſchaffung der Erde und ihrer Bewohner und deren Urgeſchichte geradezu von unſchätzbarer Wichtigkeit. In äſthetiſcher Beziehung zeichnen ſich die hiſtoriſchen Bücher durch muſtergiltige Einfachheit, die poetiſchen durch eine reiche Fülle ächt poetiſcher Schönheiten aus, ſo daß ſie trotz aller nationaler Eigenthümlichkeiten den entſprechenden claſſiſchen Werken der Griechen und Römer ebenbürtig zur Seite geſtellt werden dürfen. Und wollen wir die hebräiſche Literatur hinſichtlich ihres Inhaltes mit der Literatur der übrigen Völker vergleichen, ſo überſtrahlt ſie dieſe wie die Sonne die Sterne. Denn in ihr findet ſich nicht allein ein ungleich größerer Reichthum von Wahrheiten, insbeſondere bezüglich der göttlichen Dinge, ſondern es gewähren auch dieſe durch ihre Tiefe und Erhabenheit, durch ihre Klarheit und überzeugende Gewißheit dem nach der Wahrheit dürſtenden Geiſte die höchſte Befriedigung. Ueberdies haben dieſe Wahrheiten, Glaubens⸗ wie Sittenlehren, zuerſt in das Leben des israelitiſchen Volkes, dann verbunden mit dem Evangelium in das Leben der chriſtlichen Völker mächtig eingegriffen, auf Religioſität, Sittlichkeit und geiſtiges Streben einen gewaltigen Einfluß ausgeübt und ſo ſeit Jahrtauſenden in wahrhaft civiliſatoriſcher Weiſe gewirkt. Sicherlich iſt es auch ein hoher Ehrenvorzug dieſer Sprache, daß in ihr faſt alle Bücher des A. T. urſprünglich abgefaßt und die altteſtamentlichen Offenbarungen Gottes aufgezeichnet worden ſind. Darum heißt auch in den Targumim das Althebräiſchedie heilige Sprache im Gegenſatze zur chaldäiſchen Landesſprache.(Buatorf fil. diss. I, 53.)

Die Geſchichte dieſer ſo mannigfaches Intereſſe weckenden Sprache zerfällt, da auch nach ihrem Aus⸗ ſterben ſeit dem babyloniſchen Exil jüdiſche und chriſtliche Gelehrte fortfuhren, die Kenntniß derſelben zu er⸗ halten und zu pflegen, in zwei Theile: die Geſchichte der lebenden und die der ausgeſtorbenen hebräiſchen Sprache. ¹) Ueber erſtere ſoll in den folgenden Blättern ein Ueberblick gegeben werden.

1) Die Geſchichte der hebräiſchen Sprache iſt in älterer Zeit am beſten bearbeitet von Brian Walton(in Biblia

polygl. Prolegomena, Lond. 1677), Val. Ern. Löſcher(de causis linguae hebraicae, Francof. 1706.), J. G. Haupt⸗ 1