Aufsatz 
Die Ortsnamen des Kreises Hanau / von W. Kellner
Entstehung
Einzelbild herunterladen

14

Halten wir aber die Bedeutung Hügel für das bold in Selbold feſt, ſo iſt noch Sel- zu erklären. Die Höhe, welche entſchieden in ein von der waſſerreichen Kinzig und der in dieſelbe mündenden Gründau gebildetes Delta mit ſehr ſaftigen Wieſen, das der Ueberſchwemmung leicht aus⸗ geſetzt iſt, vorſpringt, iſt umgeben von Flurnamen wie das Metzeloh an der Gründau(ein maſtiges Gehölz?),das ſchwarze Bruch,das Flos,der Rühl,der Weiher, Röhrig. Sehen wir, vgl. S. 9, wie eine ältere Na⸗ mensform für das oberhalb Selbold an der Einmündung der Salz in die Kinzig liegende Salmünſter Salchen-

munster lautet, wie ferner Steiner(ur Urgeſchichte der

Stadt Seligenſtadt, ein Nachtrag z. ſ. Schrift das castrum Selgum Gr.⸗Steinheim 1863) das Selig⸗(Selg) von einem durch ihn vielfach in Flurnamen nachgewieſenen Salig als Weidenſumpf ableitet; wie ferner eine Boden⸗ erhöhung hier bei Hanau zwiſchen der Lache und dem am Krebsbach vorhandenen Weidenſumpfe, der in Flurkarten als Sahlig) aufgeführt iſt, der Salisberg, urſprünglich ſicher der Sahligsberg, genannt wird, ſo iſt man auch bei dem Namen Selbold berechtigt, auf einen Bult am Sahlig zu ſchließen. Liegt doch auch das Selheim in Oberheſſen bei Kirchhain, ſchon zu Bonifacius Zeit ein Lieblingsaufent⸗ halt desſelben, an einer ausgedehnten ſumpfigen Wieſen⸗ fläche nahe der Mündung der Ohm in die Lahn.

Eine andere nur einmal in unſerem Kreiſe in dieſer Bildung vorkommende Namensform iſt Rückingen. 1173

findet ſich ein Theoderich de Ruckingen als Zeuge eines

Vergleichs zwiſchen den Klöſtern Selbold und Meerholz (dabei auch Widerams) genannt; in einer Urkunde v. 1193 Wenck a. a. O. Urk. I, S. 291 ein Hartmannus de Ruggingen. Vilmar a. a. O. S. 264 u. 265 zählt die Bildung zu denen wie Linſingen, Göttingen, Schöttlingen, welche der Mehrzahl nach von Patronymen auf ing u. ung

*) Steiner führt zum Beleg ſeiner Ableitung des Namens Seligenſtadt, zur Urgeſchichte der Stadt Seligenſtadt S. 9. die Selgenſträuche zu Klein-Welzheim, die Selgenſee bei Groß⸗ Welzheim, eine ſumpfige Niederung mit Weiden, das Sellig in der Gemarkung Kahl u. den Sellig in der Gemarkung Klein⸗Krotzenburg an. Hier ſah er ſelbſt noch vor 35 Jahren im vollen uralten Beſtande große Sahlweidenbäume, in deren Stämmen und Aſtlöchern zahlreiche Eulenfamilien niſteten. Auch Bernhardt, Alterthümer der Wetterau S. 114 ſtellt Selgen und Selbold zuſammen.

abſtammen und Dative, den Ort bezeichnend, ſeien, wo die Nachkommen des Stammvaters wohnen; mitunter auch wohl die beſondere Beſchaffenheit der Gegend bezeichnend. Förſtemann D. N. S. 178 ſagt über das Thema ing daß es wohl zunächſt nur die Verwandtſchaft mit dem Begriffe des Stammwortes bezeichnete und zuerſt zur Bildung von Adjektiven verwandt worden ſei; Dagmaringahem ſei nicht die Wohnung der Nachkommen eines Dagmar, ſon⸗ dern ſo zu ſagen eine Dagmariſche Wohnung. Dies auf unſere Namensform angewandt wird es ſich um eine Ruckiſche Wohnung handeln, und wirklich gehörte(vgl. Arnd Geſch. der Prov. Hanau S. 123, 442), Rüdigheim mit Rückingen früh einer, ſpäter in die beiden Zweige⸗ Rückingen u. Rüdigheim auseinandergegangenen Familie. Förſtemann gibt A. N. I S. 711 außer dem Namen eines Alemannenkönigs Crocus aus dem 4. Jahrh. zu Hroc an einen Hroggo*) Dr. a. 752(Cod. diplom. Fuld.) und einen Ruckko, Möſer Osnabr. Geſch. a. 1096 n. 46, Rugo Goldaſt Rer. Alam. II, a. 118 in der Zuſammen⸗ ſetzung Ruchard, Rocholf, Peratroch, Reginroc, Walt- chrog, Wolfhroc, wozu denn auch der Ortsname Roggingun gezogen wird. Ein Rückingen findet ſich auch in Würtem⸗ berg. Der angeführte Perſonen⸗Name dürfte denn in unſerem alten Ruggingen zu ſuchen ſein, wie auch die benachbarten Budingen, jetzt Büdingen, Lanzingen Perſonen⸗ Namen wie Budo und Lanzo entſprechen. Ein Rudicho aus den Ruckingern hätte denn wohl Rüdigheim gegründet.

Windecken iſt oben S. 6 bereits als ein im Dorfe Tezelnheim gebautes Schloß beſprochen und mit dem ur⸗ ſprünglichen Namen Wunnecke oder Wonnecke feſtgeſtellt. Jedenfalls iſt Windecken, wie man aus dieſem Namensklang ſchließen könnte, keine Windecke, Windhöhe; es liegt das Schloß zwar auf einem Hügel, aber dieſer in einem rings von höheren Bergen eingeſchloſſenen Thalkeſſel der Nidder. An dem Hügel gedeiht Wein und Obſt in beſonderer Güte, und ſchon in Merian u. Zeillers Topographie iſt zu Windecken die urſprüngliche Bedeutung Weinacker gegeben. Die älteſten Schreibungen führen auf die Bedeutung wonnige Ecke, Höhe, was auch der Lage entſpricht. Der heutige Name Windecken hat dann das Wohllauts d in ſich aufgenommen.

*) Rochesheim auch geſchrieben Hrocchesheim fommt zweimal Dr. cp. 3, n. 209 u. 210 vor.