Aufsatz 
Die Ortsnamen des Kreises Hanau / von W. Kellner
Entstehung
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Waſſer Kincicha. Bei Dronke tr. F. S. 26 n. 50 heißt es Eggihelmeshusen super fluvium Kincecha n. 54 in Kincehen(alſo Dorf) auch chincicha geſchrieben; S. 27 n. 67 Kinciha(wieder der Ort) n. 74 Kizzichere marca in Starcfrideshusen(heute Sterbfritz), S. 28 n. 84 in Kinciha et Adelfrideshusen; S. 29 n. 108 in Elmaha in terminis Kincichen; n. 110 juxta fluvium Kincichen. Es beſtand hiernach an der Kinzig, wohl da, wo heute Schlüchtern ſteht, ein Dorf desſelben Namens Kinzig, wie man aus den kleinen Abweichungen in der Schreibung ſieht, zuſammengeſetzt aus den Beſtandtheilen Kinz und ach, ehe, ich!= Waſſer. Es handelt ſich alſo nach der bei uns gewöhnlichen Bezeichnung für ſolch kleine Gewäſſer um einen Kinzbach oder Kinzenbach,*) wie er oben als Zufluß zur Lahn genannt iſt; daher erklärt es ſich auch, wenn im Munde des gemeinen Mannes die einfache Form Kinz die gewöhnliche iſt. Nachdem nun die Ableitung Königsbach oben(S. 9) ſchon zurückgewieſen iſt, bleiben meines Erachtens nur zwei Erklärungen: 1) von Quen oder Kwän, finniſche Form für das auch im Gothiſchen ſchon vorhandene fenn Sumpf. Die Finnen nennen ſich ſelbſt mit Stolz Kwänen(v. Klöden, Handbuch der Länder⸗ u. Staatenkunde v. Europa S. 799) wie Fenni Sumpf⸗ bewohner uns die altgothiſche Form des Namens darſtellt. Schon J. Grimm ſagt, Geſch. der deutſch. Sprache S. 174: Aus Gwenir wurde Fennir, und Pott, Familiennamen, ſieht gwaen als die keltiſche**) Wortform für Sumpf oder

*) Man ſpricht noch heute in der Umgegend von Schlüchtern an der Kinzig Kreſſemich für Kreſſenbach, Breidemich für Breiden⸗ bach, Ulmich für Ulmbach.

Was iſt keltiſch? Der Name Gallier, gleichbedeutend mit dem Griechiſchen Ké4α⅜ dürfte auf eine ebenſolche natürlichen Ortsverhältniſſen entſprungene Bezeichnung der Bewohner der betr. Oertlichkeiten zurückzuführen ſein als der Name Finnen, ſo daß daraus auf eine beſtimmte Sprache, welche dieſe Be⸗ wohner geſprochen, noch nicht zu ſchließen wäre. Die Griechen nannten doch auch Germanen Kelten! Wie ich in einer kleinen AbhandlungDer Name der Germanen inDas Muſeum. Belletriſt. Beiblatt zur Frankf. Preſſe Nr. 25, 1871, dieſen NamenGermanen auf die einfache Erklärung Hochländer zurückgeführt habe, möchte ich Gallus, franzöſiſch= Gaulois herleiten von einem Wortſtamm gval, der eben in Analogie von dem oben weiter zu verfolgenden Quen, Kwän, theils zu gal theils zu val, wal ſich entwickelt hat, wie littauiſch gvoljas, lettiſch göla das Lager eines Thieres, ſo daß der

moorige Fläche an. Quen würde ſich nun, ähnlich wie gval zu einestheils gal und anderestheils val, einestheils zu gen, ken, kin, anderentheils zu dem ſchon angeführten fenn entwickeln. Wir haben die Beiſpiele dafür in dem lateiniſchen Worte vivo, vixi, victum, vivere. Dieſe Wortform hat unbezweifelbar einen Urſtamm in queck oder quick, engliſch= lebendig; daher auch der Name Quecke für die nimmer vergehende Grasart. Daß die Aufſtellung dieſer Urform Grund hat, ergibt ſich auch aus folgendem Beiſpiele. In Weſtfalen iſt Queke die urſprüngliche Form für unſer Wort Vieh, goth. faihu, bäuriſch Veih oder Vich, lateiniſch verhärtet ſogar in pecu; nach einer Urkunde bei Juſtus Moſer, Osnabrück. Geſch. S. 72 Amn. e. heißt es:Und wanne die ſtervet, ſo gebet ſie in St. Maternians Ehre öhre beſte overſte Kleed und öhre beſte Hofet Quekes (Viehes). Es liegt dem die Anſchauung zu Grunde, daß das Vieh unter denSachen des Bauern die lebende Sache iſt, wie es in holländiſchen Urkunden und auch jetzt noch heißt krytender Tiende*) d. i. ſchreiender Zehnte, in Vieh gegeben. Von der urſprünglichen Form Quick, woraus auch unſer Begriff des Niedern ſich darin findet. Hierzu gehört dann das griechiſche 70έος auf der einen und das lateiniſche vallis auf der anderen Seite, ſo daß ſich hieraus der Name des Landes Gallia und der Landſchaften Wales und Wallis er⸗ läutert. Zugehörige Wortentwickelungen ſind noch littau. gilus tief(Fick Indogerm. Wörterbuch S. 65) giluma Tiefe, ανς Kübel,ινοο rundes Kauffahrzeug, ſanskrit gala, gula, ahd kélâ, chélo, ags. ceole Kehle 107408 äol. 20¹(40⁴⁴οο) hohl latein. caula die Höhlung(cavilla.) So waren die Gallier in uralten Zeiten die Bewohner des bequemer gelegenen und beſſern, fruchtbareren Niederlandes gegenüber den in den Wäldern und höher gelegenen Gegenden wohnenden Germanen oder den in den Sumpf gedrängten Fennern. Den griechiſchen Namen Kéltat leite ich von den an der bretagniſchen Küſte vorkommenden Caletes(Calais) her. Ich bemerke noch, daß ich die hergebrachte Form des Lautver⸗ ſchiebungsgeſetzes bei meinen Ableitungen nicht hindernd ein⸗ greifen laſſe. Schon im Mai 1870 vollendete ich eine Be⸗ gründung dieſer meiner Abweichung in einer Unterſuchung über die Namen der Chatten und Heſſen, deren erſter Theil im Juliheft der Zeitſchrift für preußiſche Geſchichte und Landes⸗ kunde Jahrg. 1870 Abdruck gefunden hat, und deren Schluß mit der Begründung der Lautverſchiebung nach meiner Auf⸗ faſſung hoffentlich vor Ausgabe dieſer Unterſuchung abgedruckt ſein wird. Ich nehme eine gleiche Lautverſchiebung innerhalb jeder einzelnen Sprache an. *) v. Kampen, Geſch. der Niederlande, I S. 120.