Aufsatz 
Bericht über das Fest der Einweihung des neuen Gymnasialgebäudes zu Bensheim am 26. April 1882
Entstehung
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standeskräfte, das Gefühl und die Phantasie, gleichmässig anzuregen, zu üben und zu stärken; er wird seine Schüler zu den einzelnen Gegenständen des Unterrichtes wie zu Mitteln geistiger Gymnastik führen, um an diesen ihren Geist und ihr Gemüt anfangs einfache und leichte, später, nach Massgabe der gewonnenen Behendigkeit und Kraft, allseitigere, an- strengendere, oftmals kühne, durchweg aber schöne und wohlgefällige Bewegungen und Uebungen vornehmen zu lassen.

Dieses Verfahren lässt nicht befürchten, dass der Schüler im Ansammeln von positiven Kenntnissen aufgehalten werde; es wird sich vielmehr der Besitz dieser letzteren um so sicherer und zuverlässiger gestalten, je mehr er auf dem Grunde eines allseitig ausgebildeten und geübten Geistes beruht. Der Unterschied zwischen demjenigen, der durch Dressur, und demjenigen, der durch das Mittel einer geschmackvollen Katechese zu positiven Kenntnissen geführt ward, zeigt sich unter Anderm auch darin, dass jener nur dasjenige, was er gelernt hat, und nur so, wie er es gelernt hat, wiedergeben kann, während dieser es in seiner Gewalt hat, wie er das Erlernte wiedergeben will, und die erworbenen Kenntnisse gewandter, geschmackvoller und glänzender zu verwerten im Stande ist. Dieses kommt daher, weil der letztere bei der Aufnahme des Lernstoffes mehr geistige Organe in Thätigkeit setzen musste, als der erstere, und weil eben dieselben Organe auch bei der Reproduction sich wirksam erweisen; mit andern Worten, weil sowohl bei der Aufnahme des Lernstoffes, der durch eine richtige Behandlung zu einem Bildungsstoffe wird, als auch bei der Reproduction desselben, mehrere Thätigkeitsformen des Geistes sich einander unterstützen.

Das Beste, Wertvollste und Höchste, was der Mensch besitzt, ist ein normal aus- gebildeter Geist. Da nun die Jugend unter einer weisen Führung zu diesem Besitze ge- langen kann, ohne auf dem Wege zu positiven Kenntnissen irgendwie aufgehalten zu werden, und da ausserdem erlangtes Wissen durch eine allseitige Ausbildung des Geistes erst die rechte Raschheit der Bewegung, Planmässigkeit der Richtung, Kraft und Schönheit der Entfaltung gewinnt, so kann in Wahrheit gesagt werden, dass der Jugend auf einem andern Wege, als dem bezeichneten, eine grössere Wohlthat nicht zugewendet werden wird.

Darum, geliebte Schüler! zeiget euch empfänglich für die Eindrücke, die in diesem Hause auf eueren Geist und euer Gemüt versucht werden! Wisset, dass ihr, wenn ihr unsern Absichten entgegen kommt, aus diesem Hause einen Schatz für euer ganzes Leben wegtragen werdet, ein Gut, das durch keine Untreue eines Verwalters, durch keine verfehlte Unternehmung, durch keine Ungunst der Elemente verloren geht. Denn der hauptsächlichste Gewinn, den ihr in eurer Gymnasialbildung unter dem Einfluss einer belebenden und stärkenden Atmosphäre und einer nach richtigen pädagogischen Gesetzen durchgeführten geistigen Gymnastik erlangt, ist selbsteigne Kraft, die an euerem Wesen haftet und von den Mitteln, durch die sie erzeugt ward, fortan unabhängig ist, so dass ihr einen grossen Teil des Lateinischen, Griechischen, der mathematischen Formeln u. s. w. bereits vergessen haben könnt, während die durch eine richtige Behandlung dieser Lehrgegenstände ausgeübte bildende Kraft fort und fort ihre Wirkung äussern und euch befäühigen wird, den erwählten Lebensberuf würdig zu erfüllen.