Aufsatz 
Bericht über das Fest der Einweihung des neuen Gymnasialgebäudes zu Bensheim am 26. April 1882
Entstehung
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durch das Mittel wissenschaftlicher Bildung zugleich auch höhere menschliche Bildung zu bewirken, weil alles Wissen ohne Humanität dem künftigen Diener des Staates und der Kirche nur eine unzureichende Vorbereitung zu gewähren vermag. Wie sollte dies aber auch anders sein? Denn welchen Beruf immerhin ein Mann ergreifen mag, so gibt es einen Beruf, der über alle übrigen Berufsarten erhaben ist, einen Beruf, in welchem alle übrigen Berufsarten in letzter Instanz aufgehen müssen, und ohne dessen würdige Erfüllung in keiner Lebensstellung von wahrer Berufstüchtigkeit und Berufsfreudigkeit die Rede sein kann: es ist der Beruf Mensch zu sein in des Wortes höherem Sinne.

Wenn nun aber das Gymnasium die nicht allein in wissenschaftlicher, sondern auch in humaner Bildung bestehende Vorbereitung für den Staats- und Kirchendienst gewähren soll, so muss es die ihm zu Gebote stehenden, reichhaltigen, ihrem Wesen nach edlen und kräftigen Bildungsmittel mit grosser Umsicht und mit vielem Geschick ausnutzen; es muss vor Allem auf den Geist und das Gemüt der Zöglinge in der Weise einwirken, dass diese daran gewöhnt werden, normal zu denken und zu fühlen. Normal aber wollen wir diese Geistesthätigkeiten dann nennen, wenn beide zu einander zwar in beständiger Wechsel- wirkung stehen, sich einander durchdringen, ergänzen und läutern, aber keine das Gebiet der Berechtigung der andern überwuchert, und wenn sie, nach dem Massstabe des absolut Wahren, Guten und Schönen bemessen, sich, soweit menschliche Erkenntnis ein Urteil gestattet, als richtig erweisen. Ein Mensch, dessen Denken und Empfinden nicht normal ist, vermag wohl in einzelnen Zweigen des Wissens eine staunenswerthe Höhe zu erreichen, aber für eine höhere Menschenbildung braucht er desshalb doch nicht empfünglich zu sein; auf ihn verfehlen selbst die studia humaniora ihre Wirkung.

Aus dem Gesagten ergibt sich leicht, dass, wer an die Lösung der wichtigen Auf- gabe herantreten will, durch Unterricht und Erziehung das Denken und Fühlen junger Menschen auf die rechte Bahn zu leiten und zu überwachen, selbst in den verschiedenen Lagen des Lebens so recht eigentlich menschlich denken und fühlen muss; dass er dabei stets inmitten der Wirklichkeit, aber auf einer über die Stufe des Gewöhnlichen erhabenen Bahn sich bewegen, dass er eine feste und wohlgeordnete Geistes- und Gemütsverfassung verraten und demgemäss auch der schon etwas reiferen Jugend wert erscheinen muss, dass sie sich an ihm emporrichte, ihm den Anbau ihres Geistes und Gemütes mit Vertrauen und Pietät überlasse.

Ein Gymnasiallehrer von solcher Disposition wird sich nicht damit begnügen, seinen Schülern eine gewisse Summe von positiven Kenntnissen und Fertigkeiten mitzuteilen, von welchen im späteren Leben je nach der Abnahme des Gedächtnisses und der Unterlassung fortgesetzter Uebung naturgemäss ein grosser Teil verloren gehen wird. Er wird vielmehr stets vor Augen haben, dass, wie das Gymnasium der alten Griechen zuerst dem Schönheits- sinn diente und Gewandtheit und Kraft der Glieder des Leibes zu entwickeln suchte, so das deutsche Gymnasium sittliche Schönheit und geistige Kraft und Gewandtheit zu bewirken die Aufgabe habe. Er wird zu diesem Zwecke darauf bedacht sein, durch eine geschmack- volle Katechese im Unterrichte die verschiedenen Thätigkeitsformen des Geistes, die Ver-