Aufsatz 
Unsere Vorfahren. Rede gehalten bei der Schlußfeier des Schuljahres 1876/77 / Jakob Keller
Entstehung
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herr mußte ihn auf Tod und Leben ſchützen. Auch auf offener Straße durfte Niemand den fried⸗ lichen Wanderer beleidigen, oder er mußte doppelt ſoviel Buße leiſten, als wenn er einen Einheimi⸗ ſchen gekränkt hätte. Jeder Wanderer durfte unterwegs drei Früchte vom Baume brechen, drei Garben vom Felde und drei Fiſche aus dem Teiche nehmen; daher das Sprichwort:Drei ſind frei. Die Gaſtfreundſchaft war das ſchönſte Band der Geſelligkeit. Durch ſie lernte man ſich kennen und liebgewinnen, durch ſie wurden Freundſchaften und Bündniſſe geſchloſſen. Die Wanderer trugen die Kunde von großen Begebenheiten und ruhmvollen Thaten von Gau zu Gau. Beherzigen wir auch heute noch, was Tacitus höchlich rühmt von der deutſchen Gaſtfreiheit:Gaſtfreunde erfreuen ſich einander durch Gaſtgeſchenke; ſie halten ſich aber nicht prahleriſch vor, was ſie gegeben, noch auch werden ſie durch das Empfangene verpflichtet.

Vor Allem aber mußte den Römern Ehrfurcht gebieten und ihnen aufrichtige Achtung abnöthi⸗ gen die Würde der Frauen, die Heiligkeit der Ehe und die Reinheit des Familienlebens im alten Deutſchland, Vorzüge, die Tacitus mit um ſo glühenderer Begeiſterung preiſt, je tiefer der mark⸗ zehrende Wurm der Entſittlichung den Römern am Herzen fraß. Alle Frauen durften bei den alten Germanen die Waffen führen, auf ihre Stimme hörten die Männer im Rathe. Frauen von überlegener Einſicht, gewiſſermaßen göttlichen Geiſtes voll, haben nicht ſelten in die Geſchicke deut⸗ ſcher Stämme entſcheidend eingegriffen. Treue bis in den Tod war der Keim und das Band der deutſchen Ehe; ja, es folgte oft die überlebende Gattin dem abgeſchiedenen Manne in den Tod. Golden aber ſind und für alle Zeiten ein mahnender Ruf die Worte des Tacitus zum Preiſe der deutſchen Frauen.Bei den Deutſchen, ſo berichtet unſer trefflicher Gewährsmann,ſind die Ehen ſehr ſtreng, und keinen Theil ihrer Sitten finde ich lobenswerther. Mitgift bringt nicht die Frau dem Mann, ſondern der Gattin der Gemahl. Auch ſind die Geſchenke nicht auf weibliche Tändelei berechnet, auch nicht zum Schmucke der Braut beſtimmt, ſondern Rinder und ein gezäumtes Roß, dazu Schild, Schwert und Speer. Sie ſelbſt bringt Waffenſtücke dem Manne: dieſe betrachten ſie als das feſteſte Band, als ihr geheimes Heiligthum, dies als ihre ehelichen Genien. So wird die Frau durch die Wahrzeichen der beginnenden Ehe daran gemahnt, daß ſie als Genoſſin der Mühen und Fährniſſe in das Haus komme; daß ſie Gleiches im Frieden, Gleiches im Kampfe zu tragen und zu wagen habe. So müſſe ihr Leben, ſo ihr Tod ſein; ſie empfange, was ſie ihren Söhnen übergebe, unentweiht und werth, daß es zu ſeiner Zeit den Enkeln zu Theil werde. In umſchirmter Tugend leben die deutſchen Frauen. Denn dort iſt das Laſter nicht Gegenſtand des Scherzes, und es werden dort Vergehen gegen die Zucht nicht Zeitgeiſt genannt. Weit mehr aber vermögen bei den Deutſchen die guten Sitten, als anderwärts die weiſen Geſetze. So weit der Römer Tacitus. Noch ein Zeugniß ſei mir hinzuzufügen geſtattet, das der liebenswürdige Titus in zwei Worten unſeren Vorfahren ausgeſtellt hat:Groß ſind die Leiber der Germanen, noch größer aber ihre Seelen.

So waren die Männer, deren Nachkommen zu ſein wir mit gerechtem Stolze uns rühmen. So lernen wir ſie aus den Schilderungen ihrer Feinde kennen. Jene Tugenden aber, die ſie ſchmückten: Heldenmuth, Biederſinn, Liebe zur Freiheit und zum Vaterlande, Gaſtfreiheit und Ehrfurcht vor den Frauen, ſie ſind die nährende und ſtärkende Frucht, die der Jugend erwächſt aus dem Samen der Geſchichte.

So wollen wir das jung aufwachſende Geſchlecht die herrlichen Bilder der Vorfahren im Spiegel der Geſchichte ſchauen laſſen, auf daß die Enkel der Väter würdig ſein mögen. Damit aber die deutſche Jugend ihres deutſchen Namens immer mehr ſich freue, ſoll ſie lernen, daß nicht allein in den grauen Tagen der Vorzeit unſer Volk den Ruhmeskranz der Bürgertugend ſich um die Schläfe