Aufsatz 
Unsere Vorfahren. Rede gehalten bei der Schlußfeier des Schuljahres 1876/77 / Jakob Keller
Entstehung
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gewunden, ſondern daß es ſeitdem des alten Ruhmes ſich werth gezeigt durch den Lauf der Geſchichte bis in die Tage der jüngſten Vergangenheit.

Wir ſtehen am Vorabende des Erinnerungsfeſtes der Schlacht, in der die Geſchichte eines großen Krieges gipfelt, der uns ein deutſches Reich erſchuf, deſſen Früchte wir heute reifen ſehen, deſſen Früchte unſere Kinder und Enkelkinder je länger je mehr genießen mögen bis in die fernſten Zeiten: wir ſtehen am Vorabende des Sedanfeſtes. Und es fordert ſchon die Ehrfurcht vor den Opfern des großen Krieges, das pietätvolle Dankesgefühl einen Eichenkranz auf die Urne unſerer treuen Todten. Denn auch von ihnen gilt des Dichters Wort:

Der für ſeine Hausaltäre

Kämpfend ſank, ein Schirm und Hort,

Auch in Feindes Munde fort

Lebet ſeines Namens Ehre. Und wenn es mir gelungen iſt, in Ihnen rege zu machen ein Gefühl der Achtung vor den Vorfah⸗ ren unſeres Volkes und zu entzünden ein Dankesfeuer für die Tauſende, die um der Ehre Deutſch⸗ lands willen ſeit den älteſten Zeiten geſunken ſind in den eiſernen Schlaf, ſo möchte ich auch einen Strahl verklärenden Lichtes fallen laſſen auf die Todten, deren wir bei der Feier des zweiten Sep⸗ tember gedenken, gedenken mit dankbarer Wehmuth und anſpornendem Stolze. Auch ſie ſind uns ehrwürdige Vorfahren zugleich und mahnende Zeugen. Auch ihr Leben und ihren Tod wollen wir unſerer Jugend als köſtliche Proben deutſcher Art und Sitte vorhalten, damit ſie den heiligen Schwur ſich leiſte:Laſſet uns leben, laſſet uns ſterben wie jene!

Das aber, wofür ſie freudig den Tod erwählten, als der trefflichen Ahnen würdige Söhne, das laſſet uns halten und hegen und pflegen: es iſt die Einheit, die Ehre, die Majeſtät des Vaterlandes.

Es geh', durch Tugenden bewundert, Geliebt durch Redlichkeit und Recht, Stolz von Jahrhundert zu Jahrhundert, An Kraft und Chren ungeſchwächt!