Aufsatz 
Unsere Vorfahren. Rede gehalten bei der Schlußfeier des Schuljahres 1876/77 / Jakob Keller
Entstehung
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31 ſchmetterten ſie mit den Köpfen gegen Felsſtücke und gegen den Kranz der Wagenräder. Dann ſtießen ſie ſich gegenſeitig das Meſſer in die Bruſt. Wie aber im deutſchen Volksleben die thatengewaltigſte Kraft ſich paart mit tiefer Gemüthsinnigkeit in der deutſchen Familie, ſo iſt gerade das Band der Verwandtſchaft und Freundſchaft der mächtigſte Sporn zu todesmuthiger Tapferkeit. Denn nicht der Zufall noch gelegentliche Aufſtellung bildete das Geſchwader oder den Schlachtkeil, ſondern die Fa⸗ milien traten zuſammen, damit Alle für Einen ſtünden, Einer für Alle. Und dicht dabei waren ihre Herzenspfänder, woher der Weiber Klagen, woher das Wimmern der Kinder zu den Ohren der Fechtenden drang. Dieſe waren ihnen die ehrwürdigſten Zeugen, dieſe zugleich die beredteſten Lob⸗ redner. Zu den Müttern, zu den Gattinnen trugen ſie ihre Wunden, und dieſe ſcheuten nicht, die Wunden zu zählen und mit thätiger Hilfeleiſtung Linderung zu ſchaffen. Ja ſogar Speiſe und Trank trugen die Frauen und dabei Aufmunterung den Kämpfenden in die Schlachtreihe zu. Furchtbar war den Feinden der Ruf deutſcher Tapferkeit, daß, wie Caeſar berichtet, die Gallier nicht einmal den Blick der alten Deutſchen aushalten konnten. So ſchildern die Römer die triumphata gens Germanorum.

Und die Liebe zur Freiheit, ſie liegt ſeit den Tagen der Väter in unſerer Natur. Die Frei⸗ heit iſt bei uns älter, als die Knechtſchaft, und dieſes Feuer wird nicht verlöſchen, ſo lange es noch von einem Tropfen deutſchen Blutes genährt wird.Die Freiheit, ſagt der römiſche Dichter Lucanus, iſt ein deutſches Gut(libertas Germanicum bonum).Es iſt ſonderbar, lautet ein anderes Zeugniß des Alterthums,daß die Deutſchen ſchon von Natur das haben, was die Griechen mit allen Mit⸗ teln der Kunſt nicht erlangten. Dies haben auch die Neueren anerkannt. Urtheilt doch der große engliſche Denker Hume folgendermaßen:Alles, was noch in der Welt iſt von Freiheit, Ehre, Edel⸗ muth und Würde, das verdanken wir den großmüthigen Deutſchen. Ein Franzoſe nennt die Frei⸗ heit eine ſchöne Sache, die in den deutſchen Wäldern erfunden worden ſei.

Eine Perle aber in der Adelskrone deutſchen Volksthums iſt die rückhaltloſe Offenheit und Ehrlichkeit, die ſogar Ort und Stunde des bevorſtehenden Kampfes die Deutſchen den Feinden genau anſagen ließ; der trotzige Biederſinn, der dem Seefahrer verbot, beim Sturme die Segel einzuziehen. Ein deutſcher Stamm erklärte jeden für unbedingt ehrlos, der vor weniger als vier Feinden die Flucht ergriffe. Den Kampfgenoſſenſchaften der Normänner waren nur ſtumpfe Klingen von einer Elle Länge erlaubt, und doch ſollten ſie mit ſolchen Waffen die Feinde beſiegen. Glatte Doppel⸗ züngigkeit und trügende Heuchelei waren dem Deutſchen fremd, und mehr als einmal haben die Rö⸗ mer den Freimuth deutſcher Geſandten in Rom bewundern gelernt. Was aber der Deutſche verſprach, das war er gewohnt, ehrlich zu halten. Freilich zogen unſere Vorfahren dabei oftmals den Kürze⸗ ren, und oft erſcheint es, als ob der liſtige Fuchs geſiegt habe über den ehrlichen Bären. Doch das darf uns nicht abhalten, unſer Kleinod treu zu bewahren: offenen Biederſinn, der geradeaus geht, und worthaltende Rechtſchaffenheit, auf daß des Dichters Wort zur Wahrheit werde:

Fürwahr, es muß die Welt vergehen, Vergeht das deutſche Männerwort.

Doch es leuchteten nicht nur die Tugenden unſerer Ahnen in hellem Glanze da, wo es galt, im Waffengetöſe ſeinen Mann zu ſtehen; auch das friedliche Zuſammenleben ſchmückten ehrfurcht⸗ gebietende Vorzüge: die Gaſtfreundſchaft und die Würde der Frauen.

Einen Wanderer von der Thür zu weiſen, galt als der ſchlimmſte Frevel. Kam ein Fremd⸗ ling, ſo lud der Deutſche ihn ein, unter ſein Dach zu treten, auszuruhen, Speiſe und Trank und Nachtlager zu nehmen. Es wäre eine Schande geweſen, erſt zu fragen, wer er ſei, woher er komme und wohin er gehe. So lange der Fremde im Hauſe weilte, war er Gaſtfreund, und Niemand durfte ihn beleidigen bei hoher Strafe, ſelbſt wenn er ein flüchtender Miſſethäter war. Der Haus⸗