Aufsatz 
Unsere Vorfahren. Rede gehalten bei der Schlußfeier des Schuljahres 1876/77 / Jakob Keller
Entstehung
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dem Konſulate des Caelius Metellus und des Papirius Carbo. Wenn man von da an bis zum zweiten Konſulate des Kaiſers Trajan rechnet, kommen zweihundert und zehn Jahre heraus. So lange(ſetzt er mit beißender Ironie hinzu) wird Germanien beſiegt. In dieſem langen Zeitraume ſind auf beiden Seiten ſchwere Verluſte zu verzeichnen. Nicht der Samnite, nicht der Punier, nicht Spanien oder Gallien, nicht einmal die Parther haben uns öfter Denkzettel gegeben. Iſt ja doch ſtärker als das Reich des Arſaces der Freiheitsſinn der Germanen. Denn was anderes, als die Ermordung des Craſſus, und ſelbſt dieſe nur mit dem Verluſte des Pacorus, hat das unter Venti⸗ dius geknechtete Morgenland uns entgegenhalten können? Die Deutſchen dagegen haben den Carbo, den Caſſius, den Aurelius Scaurus, den Servilius Caepio, auch den M. Manlius geſchlagen oder gefangen genommen und fünf konſulariſche Heere auf einmal dem römiſchen Volke, den Varus und drei Legionen mit ihm dem Kaiſer entriſſen. Und nicht ungeſtraft hat C. Marius in Italien, der ſelige Julius in Gallien, Druſus, Nero und Germanicus in ihren Wohnſitzen ſie beſiegt. Darauf folgten die gewaltigen Rüſtungen des C. Caeſar(Caligula), die in eine Poſſe ſich verkehrt haben. Hierauf trat eine Pauſe ein, bis ſie bei Gelegenheit unſerer Zwietracht und der Bürgerkriege das Winterlager unſerer Heere erſtürmten und ſogar auf Gallien ein Auge warfen. Und nun folgt der denkwürdige Schluß:So waren die Germanen mehr Gegenſtand erlogener Triumphe, als thatſäch⸗ licher Siege. Darnach hatten am allerwenigſten die Römer Urſache, unſerem Volke Weihrauch zu ſtreuen. Und doch ſind ſie voll des Lobes und der Bewunderung des Adels deutſcher Volksart. Und doch lieſt ſich dieGermania des Tacitus wie eine begeiſterte Lobrede auf die Tugenden un⸗ ſeres Volkes. Wie aber der große Alexander den göttlichen Helden Achilleus glücklich pries, daß er einen Lobredner wie Homer gefunden; ſo preiſen wir unſere Vorfahren glücklich, daß aus den Reihen ihrer Feinde ein Verkündiger ihrer Tüchtigkeit erſtand, wie Cornelius Tacitus es iſt.

Was hat nun den Römern ſo tiefe Ehrfurcht vor den alten Germanen abgenöthigt?

Vor Allem deutſcher Heldenmuth. Rieſen an Kraft und Muth ſeien die blauäugigen, blond⸗ lockigen Söhne Germaniens, ſo ſchildert Tacitus unſere Vorfahren, erzogen im Dunkel der deutſchen Wälder in einfacher Zucht, unerbittlicher Uebung des Körpers und in ſchlichter Harmloſigkeit des Gemüths. In der angeſtammten, im freien Waldleben genährten und von Jugend auf gehärteten Leibeskraft lag ein beſtändiger Antrieb zu kühnen Thaten. Ein Held zu ſein, auf Abenteuer aus⸗ zuziehen, Widerſtand ſuchen, ihn überwinden und den höchſten Ruhm zu erlangen, das war das Ziel des Germanen.Wer, ſo fragt der Römer Seneca,wer iſt kühner als der Deutſche? Und ein anderer:Nur der Tod bezwingt ſie, nicht die Furcht; ihre Mienen drohen noch im Tode; ihr Muth überlebt ſie. Darum ging auch der Freie beſtändig in Waffen einher. Libanius erzählt: Sie eſſen in voller Rüſtung und ſchlafen nicht ohne den Helm. Waffen ſchenkten ſich junge Braut⸗ leute wechſelſeitig bei der Hochzeit. Denn auch das Weib verſtand ſie zu führen. Ja, etwas Gött⸗ liches ſah man in den Waffen und ſchwur bei ihnen die heiligſten unverbrüchlichſten Eide, wie wir in einem alten Heldenliede leſen:Eid ſollſt du mir leiſten bei Schiffes Bord und Schildes Rand, bei Roſſes Bug und Schwertes Spitze. Und die Frauen gaben an trotzigem Muthe den Männern nichts nach. Als die Cimbern, von den Römern zurückgedrängt, flohen, folgten ihnen die Sieger bis an die Wagenburg. Da aber ſtürzten mit gellendem, grauſem Geſchrei die Frauen aus den Wagen hervor, theils unbewaffnet, theils Aexte und Schwerter in der Hand, und warfen ſich auf die Kämpfenden. Selbſt die fliehenden Männer hieben ſie als Verräther nieder. Waffenloſe Weiber riſſen den Römern Schild und Schwert weg und mit ungebrochenem Muthe fielen viele in dem heißen Kampfe. Die Ueberlebenden aber übergaben ſich nicht gutwillig als Gefangene den Siegern. Als die Römer ſich weigerten, ihrer Ehre zu ſchonen, ergriffen die deutſchen Weiber ihre Kinder und