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gethan und darum gelebt haben für alle Zeiten? So wollen wir die Geſchichte ausbeuten und aus⸗ nutzen, damit an ihrer Hand die Jugend lerne „Alles Hohe, was Menſchenherz erhebt“, insbeſondere die Liebe zum Vaterlande.
Es kommt aber darauf an, daß die Jugend nicht durch den Lehrer, noch weniger bei dem Lehrer, ſondern von dem Lehrer lerne. Deshalb ſoll der Unterricht dem Schüler nicht blos eine Summe von Zahlen, Namen und Daten bieten, ſondern ſeinen Blick ſchärfen für das Verſtändniß der hiſtoriſchen Erſcheinungen; ihn geſchickt machen, zwiſchen den Zeilen zu leſen, damit er ahne und wo möglich begreife, daß über Allem, was offen zu Tage liegt, die Idee waltet.
Aber nicht genug damit. Die Geſchichte ſoll der Jugend eine Darſtellung der Erziehung des Menſchengeſchlechtes ſein. Es ſoll ihr bewußt werden, daß Alles, was in der Geſchichte lebt und webt, einer Quelle entſtrömt, von der einen Tropfen wir alle in der Bruſt tragen: dem Menſchen⸗ geiſte, dem Menſchenherzen mit ſeinen edeln und erhabenen Regungen auf der lichten, ſeinen gähren⸗ den Leidenſchaften auf der dunkeln Seite. Denn wo immer in der Geſchichte ein Volk emporgeſtiegen iſt aus der Dunkelheit uranfänglicher Exiſtenz zur Höhe der Kultur, wo immer ein Volk jählings ge⸗ rathen iſt auf die Bahn des Niederganges, da folgte es nicht einem unabänderlichen Schickſale, auch nicht der zufälligen Verknüpfung blind waltender Umſtände: ſondern des Volkes und jedes Einzelnen im Volke Art und Sitte, die Energie des Strebens und des Wollens iſt es, die, ſteigend und in ihrer Vollkraft, ein Volk nach oben reißt; die, abſterbend und im Welken, ein Volk zu den Todten wirft. Hat doch mehr als einmal der Geiſt und die Thatkraft eines Mannes ein Volk aus dem ſtaubigen Winkel der Vergeſſenheit hinausgehoben auf die Bahn mächtiger Geſchicke. Darum iſt auch jene Anſchauung nicht zu billigen, die, gerade in der neueſten Zeit, die Geſchichte herausrechnet aus dem Zuſammenwirken äußerer Faktoren, die aus den Zahlen der Statiſtik das unabweisbare Ergeb⸗ niß der Geſchichte ziehen zu können vermeint. Ich meine die hiſtoriſche Schule, die in Thomas Buckle ihren vornehmſten Vertreter erkennt— eine Richtung, der im übrigen große Verdienſte ohne Widerrede zukommen. Aber es ſteht unbeſtreitbar feſt, daß man mit Zahlen und phyſikaliſchen Geſetzen keine Geſchichte herausrechnet.
Welchen phyſiſchen Umſtänden iſt es zuzuſchreiben, daß auf den dürren Felswänden am Iliſſos die Beherrſcherin des Oſtmeeres, die Pflanzſtätte der Bürgertugend, die Mutter der Wiſſenſchaft und Kunſt emporblühte und durch folgenſchweres ſegenbringendes Walten ihren Namen unauslöſchlich für alle Zeiten eingegraben hat in die eherne Tafel der Geſchichte der Kultur: die Stadt Athen?
Welchen phyſiſchen Umſtänden iſt es zuzuſchreiben, daß die Sandebene der Mark der Kern geworden iſt einer europäiſchen Großmacht erſten Ranges?
Welchen phyſiſchen Umſtänden iſt es zuzuſchreiben, daß die fieberhauchenden Marſchen an der Tiber der Mittelpunkt des Weltreiches der Römer werden mußten?
Mit ſolcher Geſchichte iſt die Jugend übel berathen. Sie ſoll verſtehen lernen, daß der Menſch es iſt, der die Geſchichte macht, und ſoll Achtung gewinnen vor dem Pfunde, das der Schöpfer in uns gelegt hat, daß wir damit wuchern ſollen als getreue Haushalter, jeder an ſeinem Theile, zum Wohlergehen der Menſchheit. Denn der Wille iſt es, der Menſchen und Völker klein macht und groß. Und das ſoll die Jugend aus der Geſchichte lernen. Das nenne ich die ethiſche Frucht des Unterrichtes in der Geſchichte: die ſittliche Bildung und das Erwecken der Willenskraft. So führen wir der Jugend die Vergangenheit unſeres Volkes vor, daß ſie ein Spiegel ſei der Gegenwart; daß jene aus ihr erſehe, welche Elemente es ſind, die einer Nation eine achtunggebietende Stimme zu⸗ weiſen im Rathe der Völker. Im Hinblicke dann auf das, was die Vorfahren waren und wie ſie es waren, rufen wir der Jugend zu:


