— 18—
an praktischer Lebensweisheit, den jene fruchtbaren Jahrhunderte angesammelt und der Nachwelt zu nützlicher Verwendung hinterlassen haben. Mit der Reinheit und Wahrheit des Inhaltes aber verbindet sich eine überraschende Schönheit der Form. Die Anlage, diese Schönheit der Form in ihrer Vollendung wieder zu geben, ist der unbestrittene Vorzug der deutschen Sprache. Der deutsche Gymnasiallehrer, der es versteht, so richtig Gedachtes, so tief Empfundenes und so schön Dargestelltes seinen Zöglingen im Unterrichte mit Klarheit und Schärfe vorzudenken, mit Innigkeit und Würme vorzuempfinden und in gefülligem, geschmackvollem Ausdrucke mitzutheilen, der besitzt in dieser seiner Befähigung ein Mittel, auf das Geistes- und Gemüthsleben der Jugend in der wohlthuendsten Weise einzuwirken. Aus, diesem Grunde ist es gar nicht wohlgethan, wenn, wie es so oft geschieht, christliche Religionslehrer, insbesondere Theologen, um den Werth der ihrer Pflege überlassenen Sache in desto strahlenderem Lichte erscheinen zu lassen, von heidnischer Erkenntniss, Weisheit und Tugend geringschätzig reden.*) Um solche Religionslehrer zum Geständniss ihres Irrthums zu bewegen und zu überzeugen, dass bei den alten Meistern sich umzusehen der Mühe lohnt und dass es neben christlichen Erbauungs- und Religionshandbüchern auch heidnische Schriften gibt, in welchen schätzbares Material zum Zavecke einer verständigen religiösen Unterweisung in reichem Masse sich vorfindet, empfehlen wir ihnen, wenn auch nicht gerade das an sich mit Mühe verbundene Studium der Schriften der hervorragendsten griechischen Philosophen, so doch wenigstens die Lectüre der Schriften jener Lehrer des heidnischen Alterthums, welche die Philosophie„aus den Hörsälen der Gelehrten in die bescheidenen Wohnungen der Bürger einführten“, die Lektüre der philosophischen Schriften Cicero's und be- sonders Seneca's. Hier finden sie ein leicht verständliches Referat über die wesentlichsten Resultate der in göttlichen und menschlichen Dingen sich bewegenden Forschungen jener altehrwürdigen Meister in bunter Widerholung und oft bilderreicher, höchst anmuthiger Sprache. An diesen Meistern liegt es wahrlich nicht, dass nicht ein jeder Lehrer und Erzieher von ihnen zu dem Werke der religiös-sittlichen Bildung der studirenden christlichen Jugend Wahres, Gutes und Schönes in Hülle und Fülle empfange. Wie spricht z. B. Seneca zum Herzen, wenn er sagt:„Wollt ihr euch Gott denken, so denkt ihn euch gross und freundlich, in milder Erhabenheit ehrwürdig, als einen Freund, der euch nahe ist, der nicht verehrt sein will durch Opfer und Blutströme, sondern durch ein reines Herz und edle, tugendhaſte Vorsätze. Nicht Tempel von hochaufgethürmtem Gestein will er sich gebaut wissen, im eignen Herzen soll ihm ein Jeglicher einen Altar errichten“.
„An dem Menschen ist der bessere Theil der Geist; an der Gottheit ist nichts als Geist; sie ist die ausgebildetste Vernunft. Dieser ihrer Natur zufolge hat die Gottheit im Anbeginne die Dinge so geschaffen, dass sie einer Aenderung nicht bedürfen, nicht einmal fähig sind. Es wäre eine Herabwürdigung ihrer Erhabenheit und ein Geständniss ihrer Fehlbarkeit, wenn man annehmen wollte, dass sie die Dinge so geschaffen habe, dass dieselben einer Aenderung, einer Verbesserung fähig wären. Denn wenn der Gottheit nur das Beste gefallen kann, so muss ihr nothwendig dasselbe immer gefallen, ohne dass sie
*) Jene gelehrten Mönche, die sich durch fleissige und geschmackvolle Bearbeitung griechischer und römischer Autoren um die olassische Literatur so verdient gemacht, haben anders gesprochen.


