Aufsatz 
Die Aufgabe des deutschen Gymnasiums in Ansehung der religiös-sittlichen, geistigen und nationalen Bildung der Jugend / Keller
Entstehung
Einzelbild herunterladen

16

wie der alte Römer zürnend sagt, durch die Natur und das Leben zu starren, vielmehr lichten Auges wie in einer trauten Heimath sich mit reinem Genuss der unerschöpflichen Schönheiten der Natur zu erfreuen. Welche Fülle von geistiger Erweckung, von Anregung aller Lebensmomente bietet dann jeder Spaziergang einzig dadurch, dass unsere Schüler gelehrt werden, die Schöpfung zu beachten, mit hingebender Liebe bei ihr zu verweilen.*)

Nachdem wir nun aber einige bedeutsame und beachtenswerthe Stimmen über die bildende Kraft des geschichtlichen, geographischen und naturwissenschaftlichen Unterrichtes vernommen haben, wird es uns nicht übel anstehen, an uns die ernste Frage zu richten, wie viel oder wie wenig wir von dieser bildenden Kraft in unsern Schülerkreisen verspürt haben. Und wenn wir uns alsdann das Bekenntniss ablegen müssen, dass die von so competenten Beurtheilern in Aussicht gestellten Wirkungen des Unterrichtes in den gedachten Lehrgegenständen sich uns nicht gezeigt haben, so werden wir die weitere Frage stellen müssen, ob die Art der Behandlung, die wir diesen Gegenständen angedeihen liessen, überhaupt zu schönen Erwartungen berechtigt; oder ob es nicht vielmeéhr nothwendig erscheint, in der bisher befolgten Methode eine Aenderung eintreten zu lassen. Diese letztere Frage aber wird von denjenigen leicht zu beantworten sein, die in den erwähnten Urtheilen zugleich auch eine Methode ausgesprochen oder doch angedeutet finden, die sie nur zu beachten und zu befolgen brauchen, um zu besseren Früchten zu gelangen.

An die zahlreichsten und ausgiebigsten Fundstätten der schönsten und grossartigsten Gedanken, welche die religiös-sittliche Bildung in der unmittelbarsten Weise zu, fördern geeignet sind, lenkt die Lektüre der griechischen und römischen Classiker. Diese Lektüre ist ein Bildungsmittel, welches das Gymnasium vor andern Lehranstalten voraus hat; sie gewährt gleichmässig dem Verstande, der Phantasie und dem Gemüthe eine so kräftige, naturwüchsige und gesunde Nahrung, wie sie andere Gegenstände des Unterrichtes kaum in sich bergen. Schon in der Götterlehre Homers, der wir im Allgemeinen zugleich auch bei allen nachfolgenden griechischen und römischen Dichtern begegnen, findet der Gymmasiast für seine religiös-sittliche Bildung gar manche schätzenswerthe Anregung, wenn er nur die verschiedenen Gesichtspunkte auseinander zu halten lernt, von welchen aus der Dichter seine Götter auftreten lässt. Denn anders erscheinen uns die Götter Homers, wenn er sie uns so zeigt, wie er selbst sie in seinem klaren Geiste schaute; anders wenn er sie uns so schildert, wie sie entweder in dem Bewusstsein des Volkes existirten, oder wie es der Anschauung des Zeitalters, dessen Helden er besang, angemessen erschien, oder endlich wenn es ihm lediglich darum zu thun war, die Phantasie des Lesers durch ein Gebilde der Kunst in angemessener Weise zu beschäftigen, wobei es ihm natürlich gar nicht in den Sinn kam, von einem verständigen Leser zu verlangen, dass er im Ernste an solche Götter glaube. Es würe, wenn es geschehen könnte, interessant, die wahre religiöse Anschauungsweise des Dichterfürsten gegen diejenige eines gläubigen Menschen unserer Zeit zu halten und wahr- zunehmen, wie sich diese beiden Anschauungsweisen zu einander verhielten. Wenn uns der Dichter die Götter vom Standpunkte seiner eignen religiösen Ueberzeugung aus vorführt, da weist er ihnen eine geistige und sittliche Höhe an, zu welcher kein Sterblicher sich zu

*) Weihrich, Lehrer der Math. und Naturw. am Gym. zu Mainz.(Gymnasialprogramm für 1878.)