Aufsatz 
Die Aufgabe des deutschen Gymnasiums in Ansehung der religiös-sittlichen, geistigen und nationalen Bildung der Jugend / Keller
Entstehung
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die Anschauung grosser Beispiele den Geist, veredelt das Herz, spornt den Willen an und lenkt ihn auf edle Zwecke. ¹)Denn was kann dem menschlichen Geist angemessener sein, als das zu erkennen, nicht was Andere gethan, sondern was Würdiges geschehen ist, sich die Rathschläge der Alten, welche ein langes Leben zur Weisheit gebildet, zu vergegen- wärtigen, sich die Beispiele vor Augen zu stellen, welche weit über das menschliche Alter hinaus dauern, in der Jugend schon zur Weisheit des Alters sich führen, zur Würdigkeit der Herrschaft bilden, die Reihe der Ereignisse, durch welche menschliche Glückseligkeit begründet wird, sich vor Augen stellen, zu edlen Thaten sich begeistern zu lassen. Die Geschichte ist die Bewahrerin edler Thaten, die Richterin des Schlechten. ²)Die Geschichte soll mit allem Wissenswürdigen bekannt machen, das Gemüth des Menschen, seinen edelsten Theil, mit der Tugend zieren, und zur Selbstbeherrschung, Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Sanftmuth, Billigkeit, Klugheit, Liebe zum Schönen führen und zum Streben nach dem Erhabensten begeistern, in welchem Allen der reinste und wahrste Schmuck der Seele beruht. ³) Ferner:Welche Fälle von schönen und nützlichen Kenntnissen, die in der Betrachtung unserer Erde ruhen! Wenn der Jüngling jene hohen Erdrücken besteigt und ihre sonderbaren Phänomene kennen lernt, wenn er mit den Flüssen hinab in die Thäler wandert, endlich an die Ufer des Meeres kommt und überall andere Geschöpfe, andere Mineralien, Pflanzen, Thiere und Menschen gewahr wird, wenn er einsehen lernt, dass, was ihm in der Gestalt der Erde sonst Chaos war, auch seine Gesetze und Ordnungen hat, wie hiernach und nach den Gesetzen des Klimas Gestalten, Farben, Lebensarten, Sitten und Religionen wechseln und sich verändern, und ungeachtet aller Verschiedenheit das Menschengeschlecht doch allenthalben ein Brudergeschlecht, nach einem Ziele der Glückseligkeit auf so verschiedenen Wegen ringend und strebend, o, wie wird sich sein Blick erheben, wie wird sich seine Seele erweitern! Indem er die mancherlei Producte der Erde, die mancherlei Gattungen der Schöpfung in diesem oder jenem Klima, die mancherlei Denkarten, Gebräuche, Lebensweisen seiner Mitbrüder, der Menschen, kennen lernt, die alle mit ihm das Licht einer Sonne geniessen und einerlei Gcsetzen des Schicksals gehorchen: wahrlich, so muss ihm die Geographie das reizendste Gemälde, voll Kunstanlagen, Abwechselungen, ja voll Lehren der Klugheit, Menschlichkeit und Religion werden.

Er wird, ohne dass er sein Vaterland verlässt, ein Ulysses, der die Erde durchreiset; ohne dass er sein Vaterland verlässt, lernt er viele Völker, Länder, Sitten voll Weisheit und Thorheit kennen; und wenn ihm jedes von diesen anschaulich gemacht wird, so müsste er eine stupide Missgeburt sein, die dadurch nicht Ideen in den Kopf und grosse und geläuterte Empfindungen in's Herz erhielte.4) Endlich:Man muss an sich selber die Wahrnehmung gemacht haben, um mit vollster Ueberzeugung dem naturwissenschaftlichen Unterricht so gut wie den bisher mehr begünstigten Unterrichtszweigen eine wirkliche Förderung des Gemüthslebens, des ethisch-religiösen Gefühls zuzuschreiben. Wenn dieser Unterricht im Geiste des Lehrplans gegeben wird, so ist er völlig im Stande, dem jugendlichen Leben einen Inhalt zu geben und den Knaben zu veranlassen, nicht pronus ac ventri obediens,

¹) Cicero. ²) Plinius. ³) Lucian.) Herder.