Aufsatz 
Die Aufgabe des deutschen Gymnasiums in Ansehung der religiös-sittlichen, geistigen und nationalen Bildung der Jugend / Keller
Entstehung
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religiösen, rein menschlichen Standpunkte aus behandeln muss. Aber wenn ihm auch die Verschiedenheit der Confession diese Rücksicht nicht zur Pflicht machte, sollte er dennoch jenen Standpunkt nicht verlassen, und zwar schon aus dem Grunde, weil die verschiedenen Gegenstände des Unterrichts mit der Confession schlechterdings nichts gemein haben. Hiermit ist jedoch keineswegs gesagt, dass er in seinem Unterrichte in Bahnen einlenken werde, auf welchen eine Collision mit dem Wirken des Religionslehrers unvermeidlich sei. Solches wäre nur dann zu befürchten, wenn der Religionsunterricht an seinem Theile nicht vernünftig angelegt, nicht in erster Linie den Bedürfnissen eines nach religiöser Unterweisung verlangenden natürlichen Menschen angepasst wäre, in welchem Falle er auf Berechtigung keinen Anspruch hätte und verwerflich erscheinen müsste. Einsichtsvolle, von dem Vorurtheil unberührt gebliebene Lehrer, zumal wenn die humanistischen Studien auf ihre Geistes- und Herzensbildung den rechten Einfluss geübt haben, werden sich in ihrem Wirken zum Zwecke der religiös-sittlichen Bildung der Jugend nicht feindlich begegnen. Denn solche Männer sind nie bescheidener, rücksichtsvoller, vorsichtiger, als wenn von göttlichen Dingen die Rede ist. Warum sollten sie es auch nicht? Wenn es einem aufmerksamen Beobachter der Natur nicht entgehen kann, dass diese ihre Schönheit und schöpferrsiche Kraft unter Anderm ganz besonders durch die Vervielfältigung und Mannigfaltigkeit ihrer Gebilde bekunde, so muss gewiss derjenige, der das geheimnissvollste Werk der Natur, das menschliche Herz, zu erforschen, zu überwachen, zu lenken berufen ist, der Lehrer und Erzieher, zu der Erkenntniss gelangen, dass die Natur bei keinem ihrer übrigen Werke eine grössere Mannigfaltigkeit der Erscheinungen aufzuweisen haben mag. Man wird nicht allzu grosser Kühnheit im Behaupten beschuldigt werden, wenn man sagt, dass selbst unter Millionen, die sich einer vollkommenen Uebereinstimmung in Ansehung der religiösen Ueberzeugung rühmen zu dürfen glauben, nicht zwei gefunden werden mögen, die der Gottheit und ihrer Weltordnung gegenüber in allen Dingen durchaus übereinstimmend denken und empfinden. Wie könnte auch die Gottheit jenes über alle Begriffe erhabene Wesen sein, für das wir sie halten, wenn nicht jeder, der da Mensch heisst, ungeachtet aller Offenbarung, unablässig an ihr zu forschen fände? Aus diesem Grunde wird ein Kenner des menschlichen Herzens der Jugend in Beziehung auf ihre religiös-sittliche Bildung nicht solche Schranken setzen, dass jede Selbstständigkeit und Eigenart des Denkens und Empfindens in religiösen Dingen aufgehoben erscheint. Auch wird er nicht den einzelnen Schüler zur Entgegennahme des Ganzen verpflichten, wenn dieser nur für einen Theil Empfänglichkeit zeigt; er wird ihn vielmehr je nach der Schärfe seines Geistes und der Tiefe seines Gemüthes soviel in sich aufnehmen lassen, als er zu fassen vermag.

Unter den verschiedenen Unterrichtsgegenständen, deren Pflege so ziemlich allen höheren Lehranstalten gemeinsam ist, sind es besonders die Geschichte, Geographie und Naturkunde, welche sich bei einer richtigen Behandlung zur Förderung der Bildung des Gemüthes, und darum zur Förderung der religiös-sittlichen Bildung, eignen.Man kann sich nichts Nützlicheres und Anziehenderes denken, als, auf dem Schauplatze des menschlichen Lebens, welchen die Geschichte nach allen Richtungen eröffnet, ruhig und sicher sitzend, aus den Schicksalen Anderer Vorsicht und Weisheit zu lernen.*)Ausserdem erhebt und bildet

*) Diodorus Siculus.