Aufsatz 
Die Aufgabe des deutschen Gymnasiums in Ansehung der religiös-sittlichen, geistigen und nationalen Bildung der Jugend / Keller
Entstehung
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vorher auf fester Unterlage gestanden hatte, nach der Zerstörung dieser letzteren unversehrt in der Luft. Ein anderes Mal empfüngt ein durch Frömmigkeit ausgezeichneter Mann, der krank und darum nicht im Stande ist zur Kirche zu gehen, in seiner Wohnung von einem Priester täglich das Abendmahl, welches zugleich die einzige Speise ist, die er zu sich nimmt und die ihn am Leben erhält. Allein der weltlich gesinnte Bruder des Kranken will, dass dieser kräftige Kost geniesse, und gestattet dem Priester das Betreten seines Hauses nicht mehr. Da bringen, von Andern ungesehen, zwei Engel dem Kranken täglich das Abendmahl. Wieder ein anderes Mal wird einem Manne vor Liebe zu Gott das Herz von Tag zu Tag grösser, bis es endlich die Brust nicht mehr zu fassen vermag, und dem Manne wegen des zu grossen Druckes, den das Herz auf die inneren Wünde der Brust ausübt, zwei Rippen bersten. Allein dieses merkt er selbst in seiner glühenden Liebe nicht, sondern es wird erst nach seinem Tode vom Arzte constatirt. An diese und ähnliche Erzühlungen reihen sich ferner im bunten Gemische jene zahlreichen Wundergeschichten, die sich an die Namen gnadenreicher Personen und Orte ülteren, neueren und neuesten Datums knüpfen, und denen nur die Aufschlüsse, die jener Brslr. Consistorialrath über die Zeit der Auferstehung des Fleisches ertheilt, würdig an die Seite gestellt werden können. Von diesem Gottesgelehrten berichteten bekanntlich seiner Zeit die öffentlichen Blätter, dass er in einer sogenannten Bibelstunde seine Gläubigen belehrt habe, die Auferstehung der Menschen im Fleische finde nicht immer erst am jüngsten Tage statt, sondern es komme auch zuweilen der Fall vor, dass Menschen, die besonders fromm gelebt hätten, alsbald nach dem Tode ihre Särge verliessen und zum Himmel emporstiegen.

Wer sich von einem Religionsunterrichte, der mit Dingen der gedachten Art gewürzt zu werden pflegt, einen heilsamen Einfluss auf die religiös-sittliche Bildung der Jugend versprechen wollte, der müsste sich natürlich jedesmal getäuscht sehen. Denn der Inhalt eines solchen Unterrichtes ist weder wahr, noch gut, noch schön und darum von keiner veredelnden Wirkung, aber ganz und gar geeignet, das religiöse Bewusstsein in süssliche, krankhafte Träumereien einzuwiegen und jeden kräftigen, kühnen Aufschwung des Geistes und Gemüthes zu Gott zu hemmen. Aber auch die andere noch grössere Gefahr liegt nicht ferne, dass denkende Schüler, denen solch' eine unnatürliche Geistesnahrung bis zur äussersten Uebersättigung aufgenöthigt wird, dahin gebracht werden, dass sie auch andere, dem Gebiete des Glaubens wirklich angehörige Dinge ungläubig aufnehmen. Und wenn man bedenkt, mit wie schönen, grossartigen, ergreifenden Stoffen ein würdiger, geschmackvoller Religions- unterricht sich zu beschäftigen Gelegenheit findet, und mit welchem Fleisse, mit welcher Begeisterung, mit welchem Opfermuthe die grössten und edelsten Geister aller Zeiten und Völker eben diese Stoffe zu erforschen, zu durchdringen und vor wissbegierigen Jünglingen zu erläutern sich bemühten, und mit welcher Dankbarkeit und Liebe hinwiederum diese letzteren den Lehrern der Weisheit und Tugend folgten und selbst durch die Ungunst der Verhältnisse sich die Möglichkeit, den Kreis ihres religiösen Wissens und ihrer Erkenntniss zu erweitern, nicht rauben liessen, und wenn man alsdann dieser Thatsache gegenüber die nie verstummende Klage vernimmt, dass es die studirende Jugend unserer Zeit an Sinn für religiöse Dinge so sehr fehlen lasse und die der religiösen Unterweisung und den Religions-