Aufsatz 
Die Aufgabe des deutschen Gymnasiums in Ansehung der religiös-sittlichen, geistigen und nationalen Bildung der Jugend / Keller
Entstehung
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achtet, dass von ihren Angehörigen von den um ihr Glaubensgebiet gezogenen Grenzen nach keiner Richtung hin abgewichen werde, und je fester sie endlich darauf vertraut. dass nur auf dem also begrenzten Raume ein wahrhaft religiös-sittliches, Gott wohlgefälliges Leben sich entfalten könne, desto auffallender muss es erscheinen, wenn innerhalb einer solchen Religionsgemeinschaft zeitweise sich Richtungen ungestraft geltend machen dürfen, die, beim Lichte betrachtet, als masslosse Ueberschreitungen eben jener, sonst mit so grossem Eifer bewachten. Grenzen sich erkennen lassen. Wir meinen jene beklagenswerthen, mit der wahren Christuslehre im grellsten Widerspruche stehenden Auswüchse des Aberglaubens, die bald in dieser, bald in jener Gestalt auftreten und das geistige und sittliche Wohlbefinden eines grossen Theiles der menschlichen Gesellschaft in der bedenklichsten Weise bedrohen. Der Aberglaube ist zwar auch ein Glaube, aber ein solcher, der nicht von der Vernunft gebildet oder gutgeheissen wird, sondern bald auf Geistesverwirrung beruht, bald durch das Mittel absichtlicher Täuschung und Lüge erzeugt und genährt wird. Die Summe des Schlimmen, welches der Aberglaube in den verschiedenen Jahrhunderten über das menschliche Geschlecht gebracht hat, ist unermesslich.Sehen wir nicht bei allen Völkern und zu allen Zeiten Vernunft und Sittlichkeit durch Aberglauben verfinstert und gefesselt? Und hat er uns etwa darum weniger Böses zugefügt, weil ihm ein dunkles Gefühl zu Grunde liegt, welches, durch Vernunft erleuchtet, gereinigt und geleitet, ein mächtiger Antrieb zur Tugend und ein fester Grund zur Ruhe und Hoffnung für gute Menschen werden kann? Ist er nicht jenes vielgestaltige Ungeheuer, das von uralten Zeiten her das Joch der religiösen und politischen Sclaverei über den Nacken der Menschheit geworfen, ihre edelsten Kräfte gelähmt, ihrem freien Fortschritt zur Ausbildung und Vollendung unübersteigliche Hindernisse entgegengethürmt hat?*)

Aber selbst da, wo der Aberglaube in der harmlosesten Gestalt aufzutreten und sogar ein Mittel, Bösem vorzubeugen, zu sein scheint, kann er von keinem Nutzen für die Menschheit sein und muss schon um der Wahrheit Willen in der nachdrücklichsten Weise bekämpft werden. Er ist unter allen Umständen eine Krankheit der Seele, von welcher wir einen Theil der Menschen zu verschiedenen Zeiten, und wahrlich nicht am wenigsten zu unserer Zeit, ergriffen sehen. Ja, man hat allen Grund zur Klage darüber, dass er vielleicht niemals offener vorgetragen und durch kindischere Mittel verbreitet worden ist, als in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Leider halten sich selbt Lehrer jener Anstalten, die ganz besonders berufen sind, die unheimlichen Schatten des Aberglaubens durch das Licht richtiger Erkenntniss zu zerstreuen, von diesem Vorwurfe nicht frei, indem sie mit der ernstesten Miene von der Welt der studirenden Jugend Dinge vortragen, die Heiterkeit erregen könnten, wenn die Sache, um die es sich handelt, nicht von so furchtbarem Ernste wäre. Da wird z. B. in einer Kirche der Altar ein Raub der Flammen. Im Tabernakel befindet sich eine höchst werthvolle Monstranz, über deren unzweifelhaften Verlust man untröstlich ist. Aber welches Wunder bietet sich den Blicken der Gläubigen dar! Der Altar ist völlig niedergebrannt, die Monstranz dagegen schwebt in derselben Höhe, in welcher sie

*) Wieland.