Aufsatz 
Die Aufgabe des deutschen Gymnasiums in Ansehung der religiös-sittlichen, geistigen und nationalen Bildung der Jugend / Keller
Entstehung
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in Betracht kommen. Vor Allem also geziemt es sich, mit uns selbst in Berathung zu treten, ob wir nicht vielleicht in der Wahl der Mittel, deren wir uns zur Erreichung unseres Zieles bedienten, Fehlgriffe thaten? Ob wir nicht vielleicht Wege einschlugen, auf welchen es uns überhaupt nicht gelingen konnte, den Zögling zur richtigen Erkenntniss des Inhaltes und des Werthes einer würdigen religiös-sittlichen Bildung zu führen? Ob wir nicht vielleicht zu wenig darauf bedacht waren, durch Unterricht den Geist so anzubauen, dass er befähigt würde, in das Wesen der Gottheit und der von ihr eingesetzten, auf Weisheit, Liebe und Gerechtigkeit gegründeten sittlichen Weltordnung helle Blicke zu thun; durch Uebung das Denken und Empfinden so zu gewöhnen, dass es sich auf jenen Gebieten, welche die Natur zwar unsrer sinnlichen Wahrnehmung entrickt hat, auf welchen aber gleichwohl der Mensch die schönste Seite seiner geistigen und sittlichen Kraft zu entfalten und zu erproben berufen ist, heimisch fühlen und mit Sicherheit sich bewegen lernen könnte; durch das gesammte Werk der Erziehung dem Gemüthe eine solche Richtung und Empfänglichkeit zu geben, dass es von innigem Wohlgefallen an dem ewig Wahren, Guten und Schönen und mit glühendem Verlangen nach dem Gegenstande dieses Wohlgefallens erfüllt würde; den Willen mit solcher Kraft auszustatten. dass er jeden auf dem Wege nach dem erstrebten Ziele sich darbietenden Widerstand zu brechen und zu überwinden vermöchte? Denn darüber soll man sich keinem Zweifel hingeben, dass ohne richtige Erkenntniss des Wahren, Guten und Schönen, ohne Wohlgefallen an demselben und ohne die aus jener Erkenntniss und diesem Wohlgefallen hervorgehende freie Entscheidung des Willens von einer gediegenen Grundlage religiös-sittlicher Bildung nicht leicht die Rede sein kann. Es mag wohl der Mensch auch durch andere Mittel, durch das Mittel der Ueberredung, der Hoffnung, der Furcht dahin gebracht werden, dass er sich entschliesst, seinen Willen dem Willen des Erziehers unterzuordnen und Gehorsam zu üben; er mag durch diese Mittel zu einem Leben angeleitet werden, das man so gemeinhin ein religiöses, gesittetes, rechtschaffenes Leben nennt; er mag die Gebote der Religion, wie sie ihm von seiner Kirche vorgeschrieben werden, äusserlich mit gewissenhafter Pünktlichkeit befolgen; er mag ein ruhiger Bürger des Staates, ein fleissiger, umsichtiger Verwalter des Hauswesens, ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft sein: eine religiös-sittliche Bildung, wie sie das deutsche Gymnasium und andere ähnliche Lehr- und Erziehungsanstalten der Jugend zu gewähren bestimmt sind, braucht er darum doch nicht zu besitzen; eine religiös-sittliche Bildung meinen wir, die ihrem Träger wahrhaft inneren Werth und persönliche Würde verleiht, die das innerste Wesen, die Natur des Menschen ergreift, durchdringt und umgestaltet; eine religiös-sittliche Bildung, die den Zögling zu einem Menschen von wirklicher Güte, edler Gemüthsart und voller Begeisterung für Wahrheit und Tugend macht, zu einem Menshen, der es als seine höchste Lebensaufgabe ansieht, in allen Verhältnissen, in die er sich, sei es durch göttliche Fügung, sei es durch den Zufall, sei es durch eigene Wahl, versetzt sieht, wahrhaftig, gut, opferwillig erfunden zu werden.

Als das erste und nächste Mittel zur Gewährung der Grundlage einer solchen religiös- sittlichen Bildung nun ist ein guter, geschmackvoll ertheilter Religionsunterricht anzusehen. Es wird sich demnach vor Allem fragen, welches Mass und welche Richtung des religiösen