Aufsatz 
Die Aufgabe des deutschen Gymnasiums in Ansehung der religiös-sittlichen, geistigen und nationalen Bildung der Jugend / Keller
Entstehung
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dass der nach hohen Zielen Strebende sich von ihnen begeistern lassen kann? und ist in dem Zögling die erforderliche Disposition des Geistes und Gemüthes vorhanden, um den Segen einer würdigen religiös-sittlichen Bildung in hinreichendem Masse in sich aufzunehmen? Was die erstere dieser beiden Fragen angeht, so muss dieselbe als beantwortet gelten für einen jeden, der da weiss, dass nach dem übereinstimmenden Urtheile der Besseren und Weiseren aller Jahrhunderte die religiös-sittliche Bildung, wie sie an sich den werthvollsten und bedeutsamsten Theil aller menschlichen Bildung ausmacht und darum als das höchste Ziel des Unterrichtes und der Erziehung anausehen ist, so auch das Erhabenste, was der Mensch zu fassen vermag, zum Gegenstande habe.*): So oft wir darum die Wahrnehmung machen, dass es uns nicht gelingen will, die unserer Pflege anvertraute Jugend für das von uns versuchte Werk religiös-sittlicher Bildung zu begeistern, und dass der Erfolg unserem Fleisse und unserer Mühe nicht entspreche, muss der Grund dieser Erscheinung offenbar ausserhalb derjenigen Dinge, auf welche die religiös-sittliche Bildung sich erstreckt, und die den Inhalt und das Wesen derselben ausmachen, gesucht werden, wobei ganz natürlich einerseits die Person des Erziehers, andrerseits diejenige des Zöglings, und endlich die auf das Erziehungswerk störend einwirkenden äusseren Ursachen

*) Von dem, was die Seele in diesem Leben weiss, ist das Höchste die Erkenntniss und Anbetung Gottes, dem wir unser Dasein verdanken. Sokrates.

Die Erziehung zur Religion erhebt den Menschen über sich selbst; durch sie wird der Mensch erst wahrhaftig Mensch. Plato. bir

Die Tugend ist die höchste Vollendung der edleren Naturanlagen auf dem Grunde des religiösen Glaubens mittels des Strebens nach Gottähnlichkeit; die Religion aber ist heilige Scheu vor den Göttern, aus welcher die Tugend der Bescheidenheit, sowie die Pietät gegen die Eltern fliesst, mithin gleichsam das Grundgesetz der Gesetze, und der Gehorsam gegen dieselben. Cicero.

Ins wärmere Land führt nur die Religion. Sie ist der Grund- und Eckstein der menschlichen Gesellschaft, der Seele rettendes Asyl. Sie will das Beste, was in dem Menschen ist, pflegen, sein Vermögen der Ideen. Sie will Begeisterung für Pflicht und Recht, das Ahnen einer höheren Welt, die Sehnsucht nach dem Unwandelbaren, Ewigen anregen, mithin lauter Grundtriebe des menschlichen Geistes behandeln. Sie will der Menschheit eine ebene Bahn brechen, die bürgerlich Freigewordenen für die wahre Freiheit bilden, die Zweifelnden befestigen, die Misshelligen aussöhnen. Der Altar des Herrn ist das grosse Eine, was da ist und war und sein wird. Was wäre die Erde ohne Gottes Sonne? Ein kalter Sumpf, auf dem kein lebendes Wesen bestehen könnte. Was aber die Sonne der Erde ist, das ist die Religion dem Menschen. Tischer.

wo in einem Herzen Religion wohnt, da spricht der Höchste und Heiligste mit demselben, ruht vor ihm als nahe Sonne, hinter welcher die Aussenwelt im Dunkel liegt. J. P. Richter.

Die Tugend ist die erste und unentbehrlichste unter den Eigenschaften eines Menschen, weil sie unum- günglich nothwendig ist, ihm die Achtung und Liebe Anderer und die Zufriedenheit mit sich selbst zu erwerben. Den Grund dazu legt ein richtiger Begriff von Gott, der uns liebt, den wir wieder lieben und ehren sollen. Tugend und Weisheit stehen höher als Kenntnisse. Locke.

Die Religion ist die Führerin durch das Leben, die beste Leiterin in frohen Tagen, die beste Trösterin im Unglück. Der Grund aller Religion ist feste, unerschütterliche Ueberzeugung von dem Dasein Gottes, von seiner Vorsehung, von dem hohen, Alles überwiegenden Werthe der Tugend, von der Unsterblichkeit unseres Wesens und der Vergeltung nach dem Tode für unser Leben auf der Erde. Seume.

Es gibt manche Blumen auf dieser Welt, die überirdischen Ursprungs sind, die in diesem Klima nicht gedeihen, und eigentliche Herolde, rufende Boten eines besseren Daseins sind. Unter diese Boten gehören vorzüglich Religion und Liebe. Das höchste Glück ist, seine Lieben gut und tugendhaft zu wissen, die höchste Sorge ist die Sorge für ihren Edelsinn. Aufmerksamkeit auf Gott und Achtsamkeit auf jene Momente, wo der Strahl einer himmlischen Ueberzeugung und Beruhigung in unsere Seele einbricht, ist das Wohlthätigste, was man für sich und seine Lieben haben kann. Novalis.