Aufsatz 
Über deutsche Orthographie / Joseph Kehrein
Entstehung
[Giessen] [2019]
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Anm. Der Erſte, ahd. éristo, éresto, mhd. éôrste iſt Superlativ von ér ehe; die uͤbrigen Ordi⸗ nalzahlen von 2. bis 19. werden von den entſprechenden Kardinalzahlen durchte gebildet, alſo der Sechs-te(ahd. séhsto), nicht etwa der Sechs-ſte und daraus Sech-ſte mit Ausſtoßung des s.

§. 37. Der organiſchen(alten) ſſ haben wir nur wenige, die theils deutſch, theils fremd ſind, etwa: Aſſel, blaſs, Braſſe(Fiſch), deſſen, Eſſe, gewiſs, hiſſen(aufhiſſen), Kreſſe, Kuſs, Küſſen, Meſſing, miſs, miſſen, Sniſs, piſſen, Poſſe, praſ⸗ ſeln, praſſen, Roſs, weſſen und die fremden: Adreſſe, Aſſeſſor, Baſs, Chauſſee, Gloſſe, Intereſſe, Kareſſe, Karxoſſe, Kaſſe, Klaſſe, Koloſs, Kompaſs, Kom⸗ preſs, Kompromiſs, Kongreſs, Maſſe, Mätreſſe, Meſſe, Paſs, paſſen, Paſ⸗ ſion, preſſen, Proceſs, Profeſſor, Spaſs, Taſſe, Treſſe. Im Auslaut und vor Konſonanten ſchreiben wir allgemein nicht ſs, ſondern ß, wodurch Vermiſchung mit dem organiſchen ß(§. 38) eintritt.

Anm. Die Verſuche blaſs, blaſſ, Kuſs, Kuſſ u. ſ. w. ſind nicht durchgedrungen.

§. 38. ß hat in neueſter Zeit viele Schreibereien veranlaßt, ohne daß der Streit bis jetzt ausgeglichen wäre.

Von t iſt eine doppelte Aſpirata vorhanden, eine härtere z und eine weichere ß, das ahd. (, sz, 2s geſchrieben, in heutigen Drucken meiſt z, 3) in⸗ und auslautend nach kurzem und langem Vokal ſteht, wenn es einem früheren(goth.) t eutſpricht, alſo organiſch iſt. Mhd. ſteht 3(in den Handſchriften regelmäßig z, in heutigen Drucken 2, 3) in⸗ und auslautend, nach kurzem und langem Vokal auslautend 3, nach langem inlautend 3, nach kurzem mit darauf folgendem Vokal regelmäßig 3, z. B. wazzer. Im 15 16. Jahrh. findet ſich ß für ein faches ſ, s ſehr häufig, weniger im 17. Ja rh. z. B. Hauß, böß. In dieſer Zeit drang allmählich volle Verwirrung ein, indem nun organiſches f durch ſ, ſs, ß, organiſches ſſ durch ſl, ſs, ß, organiſches ß durch ſ, ſſ, ſs ausgedrückt wurde, wie zahlreiche Beiſpiele in meiner Grammatik des 1517. Jahrh. beweiſen.

Heute iſt organiſches ß wieder in vielen Wörtern hergeſtellt, in andern ſcheint trotz allem Ankämpfen dagegen das eingedrungene ſſ ſich zu behaupten. Man betrachtete nämlich ß all⸗ mählich als Verdoppelung und legte ihm wie andern Verdoppelungen die Kraft bei, die Kürze des vorhergehenden Vokals zu wahren oder zu bewirken, und ſo gilt jetzt ziemlich allgemein der(geſchichtlich freilich nicht begründete, aber ſchwerlich mehr zu verdrängende) Gebrauch: aus⸗ lautend ſteht ß(für ß, ſs§. 37), inlautend zwiſchen zwei Vokalen, deren erſter kurz iſt, ſſ, ſonſt ß, alſo: Roß, Stoß, Fluß, Fuß, Roſſes, Stoßes, Fluſſes, Fußes, preßt, ſtößt.

In beſſer, boſſeln(kegeln, nicht künſteln, denn dies iſt das franz. bosseler), droſ⸗ ſeln, Eſſig, faſſen, Feſſel, Gaſſe, Gewiſſen, haſſen, Horniſſe, laſſen, Meſſer, Neſſel, Niſſe, Rüſſel, Schüſſel, Seſſel, Waſſer, wiſſen und in den Bildungen mit geſchärftem Vokal der Verba befleißen, beißen, gleißen, reißen, ſcheißen, ſchleißen, ſchmeißen, ſpleißen, fließen, genießen, gießen, ſchießen, ſchließen, ſprießen, verdrießen wird ſſ dem organiſchen ß ſchwerlich weichen.

Folgenden Wörtern gebührte nach der früheren Sprache ß, aber ſ ſteht darin feſt: Ameiſe, aus, Bimsſtein, Binſe, bis, das, emſig, Erbſe, es, feiſt, Geis, Gemſe, Gries, Krebs, Kreis, Samstag, verweiſen, was. Die richtigen biß⸗ chen, bloß, Kürbiß, Loß, Maß, Schoß, Schultheiß, weißagen ſind wieder viel⸗ fach im Gebrauch ſtatt bischen, blos, Küͤrbis, Loos, Maas, Schoos, Schultheis, weiſſagen. Desgleichen, deshalb, deswegen, weshalb, weswegen, dies verdienen den Vorzug vor deßgleichen u. ſ. w. Beſt, größt, bewußt ſind allgemein gebräuchlich, wenn auch hier und da angefochten.