Aufsatz 
Über deutsche Orthographie / Joseph Kehrein
Entstehung
[Giessen] [2019]
Einzelbild herunterladen

5

§. 10. y ſollte aus deutſchen Wörtern ganz verbannt ſein, in griechiſchen aber beibe⸗ halten werden, alſo ſein, Syntax, Syſtem, Phyſik. Styl und Sylbe(stylus, syllabe, oriνοεα, Guνναρν) ſind ſchon frühe abgewichen in Stil und Silbe, doch in letzterer Schreibung noch nicht allgemein angenommen. Das latein. Satire iſt beſſer als Satyre, weil die Lateiner kein y hatten.

b. Umlante.

§. 11. Der Unlaut iſt der gothiſchen Sprache noch fremd, zeigt ſich zuerſt(7. Jahrh.)

an den kurzen Vokalen a, u, ſpäter(12. Jahrh.) auch an den langen à, ü. Mhd. kommt auch ö vor, zunächſt in ſolchen Wörtern, in denen o für früheres u ſteht, dann auch oe aus ö. Von da an haben ſich die Umlaute ſehr gemehrt, und ihre Zahl wächſt mit jedem Tage. Aus Gründen der Schönheit hat man vielfach anlautend Ae, Oe, Ue, alſo Aepfel, Oefen, Ueberrock vorgezogen vor Apfel, Ofen, Überrock. Das richtige Leſen, namentlich bei Kindern, wird durch A, O, U mehr gefördert; und dieſe Schreibung iſt um ſo mehr vorzu⸗ ziehen, als uns der mhd. Unterſchied von Länge und Kürze des Vokals großentheils verloren iſt. Anm. Das Vordringen des Umlauts gewahrt man in verſchiedenen umgelauteten Pluralen, die vor

nicht langer Zeit noch gar nicht, heute noch nicht allgemein gebräuchlich ſind, z. B. Baue Bäue, Gaule

Gäule, Herzoge Herzöge u. a. und in manchen Verbalformen der Volksſprache, z. B. du ſägſt,

päckſt, mächſt, er ſägt, päckt, mächt.

§. 12. ä, e.Sehr ſchwierig und wol unmöglich iſt es, für alle Fälle ä und e aus⸗ einanderzuhalten, weil im Mhd. in der Regel ae den Umlaut des langen à, e den des kurzen a vertrat, im Rhd. ä ſowol für die Länge als Kürze, daneben aber auch noch e für den Um⸗ laut des kurzen a gilt.(Andreſen.) Hierzu kommt noch, daß viele alte Kürzen nun zu Längen geworden ſind, z. B. Zahn, Zähne(mhd. zan und zand, pl. zen und zend), und daß unſer ä auch mehrfach für mhd. é ſteht, 3. B. Bär, dämmern, gähnen, gebären, gewähren, Käfer, ſchwären, wärts(abwärts, aufwärts) u. a. In der Flexion, Komparation und Ableitung ſchreiben wir heute für den leicht erkennbaren Umlaut des kurzen wie langen a regelmäßig ä, z. B. Vater Väter, alt älter, Aſt äſtig, ſonſt ſchwanken ä und e vielfach. Zu meiden iſt ä in: Bengel, Bretzel, echt, Elſter, emſig(früher emßig), meckern, mergeln(ab⸗, ausgemergelt). Für e hat ſich der neuere Gebrauch ſo ziemlich entſchieden in: Eltern, Ente, Erbe, Erker, Ernte, Eſche, Eſpe, Eſtrich, gebe (gäng und gebe), Heher, Heller(von ſchwäbiſch Hall), Hermelin, italieniſch, Lerche (Vogel und Baum), Schweher, ab⸗, widerſpenſtig, Stengel(von Stange), über⸗ ſchwenglich, Wehrwolf, welſch. Schwankend ſind noch fortwährend: Armel, Ge⸗ bärde, Gränze, Häckerling lerſt im 17. Jahrh. aufgekommen, von hacken), Häring, krämpeln, nämlich, Schädel, Schämel, ſtäts, ſtätig(daher beſtätigen, nicht beſtättigen), trätſchen(ſchwätzen), in denen e zuerſt für das kurze ä ſich feſtſtellen wird. In den fremden Lärm, Jänner, März verdient ä den Vorzug.

Anm. 1. Die angeführten Wörter ſind, ſo weit ſie ſich nachweiſen laſſen, ahd.: béro, das démar (Dämmerung), ginôn, gaböéran(goth. gabairan), kiwéren, chövar, swéran, wörtes(goth. vairthis); brezita, prezitella(aus ital. bracciatello Ärmchen, Backwerk in Geſtalt verſchlungener Arme), àgalastrà, emazic und emizic; altiron, anit, arpi und erbi(goth. arbi), arnôt, asc, aspa, astrih und esterih, die héhera, swéhur, spenstig(verlockend, vgl. Geſpenſt), stenkil und stengil, stengel, walahisc und walihisc; armilo, gibärida, haring und harinch, scetela, scamal und scamil, stàti, stätic; mhd. bér, die démere, génen, gebörn, gewérn, köver, swérn, wörts; bengel, pricella und brezile, elster verkürzt aus egelster, agelster, emezic und emzic, mecke Bock; altern und eltern, ante und ant, erbe, erker und ärker aus mittellatein.