Aufsatz 
Über deutsche Orthographie / Joseph Kehrein
Entstehung
[Giessen] [2019]
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H. v. d. Hagen. Im Alterneuhochdeutſchen, d. i. in der Ubergangszeit aus dem Mittel⸗ hochdeutſchen ins Neuhochdeutſche wird die Unſicherheit noch größer, wie aus meinerGram⸗ matik der deutſchen Sprache des 1517. Jahrhunderts(LCeipzig 185456. 3 Bde. 80⁰) zu erſehen iſt.

Alſo Schwanken in der Orthographie zu allen Zeiten! Das iſt auch ganz natürlich bei einer lebenden Sprache, die als ſolche keinen Stillſtand kennt. Neben dem Schwanken gewah⸗ ren wir aber auch ein Bemühen für Regelung und Feſtſtellung der Orthographie, und zwar beſonders ſeit dem Auftreten des erſten deutſchen Grammatikers, Nikolaus von Wyle, in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die Bücher über deutſche Orthographie mehrten ſich im 1617. Jahrh. ſehr, worüber in RaumersGeſchichte der, Pinfgogite(3. Theil, Stuttgart 1847) und im 1. Bande meiner eben genannten Grammatik weitere Nachweiſungen gegeben ſind. Man ſuchte nach einem Grundgeſetz und ſtellte dieſes endlich im 18, Jahrh. in dem Satze auf:Schreib, wie du(richtig) ſprichſt. Dieſes Grundgeſetz galt dann als feſte Richtſchnur, wobei man, da dierichtige Ausſprache in Deutſchland ſchwer zu finden war, ſie auch nicht überall ausreichte, im Laufe der Zeit noch den allgemeinen Gebrauch, die nächſte Abſtammung und hier und da auch die Analogie(Übereinſtimmung bei ähnlichen Sprachfor⸗ men) als weitere Wegweiſer mehr oder minder gelten ließ. Erſchüttert wurden dieſe Geſetze durch J. Grimm, und heute herrſcht darum Unſicherheit, wechſelſeitiger Kampf. Die Einen halten feſt am Alten und Herkömmlichen, eben weil es alt und herkömmlich iſt; die Andern wollen das durch geſchichtliche Sprachſtudien gewonnene Licht überall auf den Leuchter ſtellen, unbekümmert darum, ob das Auge des jetzt lebenden Geſchlechtes es verträgt. Beide gehen offenbar zu weit, eben weil ſie auf den äußerſten Punkten ſich befinden: les extrémes se touchent.

Die Sprache geht ihren unabänderlichen Gang. Dieſer gewiß richtige Satz J. Grimms (Vorrede zur 1. A. ſ. Gram. 1819) ſollte zur Beſonnenheit nach beiden Seiten hin mahnen. Die Sprache geht ihren Gang; ſie kennt, ſo lange ſie eine lebende iſt, keinen Stillſtand, denn dieſer wäre Tod; aber ſie eilt auch nicht mit Dampfkraft voran. Nicht mit maßloſem An⸗ ſtürmen gegen das bisher Gebräuchliche, nicht mit befehlshaberiſchen Machtgeboten einiger Gram⸗ matiker läßt ſich die gewünſchte Vereinfachung in der Orthographie erlangen, ſondern nur mit liebevoller Pflege unſerer ſchönen Mutterſprache, mit ſorgfältiger Beachtung ihres Entwickelungs⸗ ganges in der Zeit und in ihrer Anwendung im heutigen Leben. Ich betone eine Verein⸗ fachung, ich will keine volle Umgeſtaltung der heute gebräuchlichen Orthographie bloß der hiſtoriſchen Grammatik zu Liebe; ich verlange nur Beachtung des durch die hiſtoriſche Gram⸗ matik feſtgeſtellten Geſetzes, das man zwar zu keiner Zeit ganz unbeachtet gelaſſen, im Ganzen aber mehr als einen untergeordneten Nothbehelf betrachtet hat:die Schreibung richte ſich nach der geſchichtlich wahrnehmbaren Entwickelung des neuhochdeutſchen Lautſyſtems.

Von dieſem Geſichtspunkte aus wünſche ich die nachfolgende Darſtellung beurtheilt zu ſehen, wobei ich die neueſten Schriften über Orthographie von Weinhold, Andreſen, Hoffmann, Sanders, Michaelis, Ruprecht, Klaunig ¹) und einzelne Abhandlungen in verſchiedenen Zeitſchriften, beſonders in derZeitſchrift für die öſterreichiſchen Gymnaſien (darin ganz beſonders die verſchiedenen Abhandlungen von K. von Raumer), imArchiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen und in derAugsburg. Allgem. Zeitung gewiſſenhaft zu Rathe gezogen habe. Dem Kenner der hiſtoriſchen Grammatik biete ich nichts Neues; für ihn ſind auch die gothiſchen(goth.), althochdeutſchen(ahd.), mittelhochdeutſchen (mhd.), älterneuhochdeutſchen(älternhd.) und andere Formen nicht, ſondern zunächſt für ſtrebſame Lehrer, die einen Einblick in den geſchichtlichen Entwickelungsgang unſerer Sprache zu thun wün⸗