Aufsatz 
Cicero und Panätius im zweiten Buche über die Pflichten
Entstehung
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Diogenes richtig ist, ¹) ohne unsere Stelle bei Cicero Panätius abzusprechen. Aber wie man auch über den Bericht des Diogenes urteilen mag, unsere Stelle hier ist so gut beglaubigt, daſs ein Zweifel an ihre Herkunft nicht auftkommen kann. Ihr Inhalt wird off. III, 12 und III, 34 ausdrücklich als Panätianisch bezeugt, ja es wird sich später herausstellen, daſs sie zu dem Fundament gehört, auf dem der Gedankenaufbau unseres ganzen zweiten Buches errichtet ist. ²)

Ganz anders mufs man über den folgenden§ 10 urteilen. Nachdem im§ 9 der streng stoische Standpunkt scharf betont und das Verwerfliche der Umgangssprache hervorgehoben ist, die gut und nützlich von einander trennen zu können vermeint, heiſst es weiter:Freilich unterscheiden sehr angesehene Philosophen allerdings in streng sittlicher Weise diese drei verschmolzenen Arten theoretisch. Es wird also eingeräumt, daſs angesehene Philosophen mit der Volksmeinung insoweit übereinstimmen, als sie in der Theorie Zusammengehöriges trennen, und so wird bis zu einem gewissen Grade der Irrtum der Umgangssprache entschuldigt. Der Hauptton des Satzes liegt also auf den Worten: Summa auctoritate philosophi di- stinguunt, und daher ist eine Anderung von genera zu genere oder eine Einschiebung von re, um einen Gegensatz zu cogitatione zu schaffen, ³) nicht nötig. Hierzu erhält der folgende Satz eine Begründung. Die Herausgeber unserer Schrift sind nun von der Voraussetzung ausgegangen, es solle begründet werden, weshalb oder wie die genannten Philosophen

von allen anderen Glücksgütern, aber nirgends von der Gesundheit die Rede. R. Hirzel macht die Stelle bei Diogenes zur Grundlage einer längeren Ausführung über die eigentümliche Stellung, die Panätius und Posidonius in der Stoa einnebmen.(a. a. O. II, S. 261 430). Das Resultat seiner Erörterung, soweit es für die Erklärung der Stelle Bedeutung hat, ist im wesentlichen folgendes: Die Nachricht bei Diogenes setzt voraus, daß von Panätius und Posidonius Pyiera, ooyyia und ious, die den übrigen Stoikern als ρ%p uεmνα galten, zu den dyod gerechnet wurden. Das ist aus vier Gründen glaublich. Erstens mochte sie die Rücksicht auf einen größeren Leserkreis, dem die Kunstausdrücke der stoischen Schule wo nicht unverständlich, so doch unbequem gewesen wären, bestimmen, das stoische roοy uera durch dy aud zu ersetzen, das zwar vom Standpunkt der stoischen Schule aus ungenau war, aber doch von allen Lesern ohne weiteres verstanden wurde. Ferner leugneten sie die Wirklichkeit des stoischen Weisen. Dieser konnte infolgedessen für die übrigen Menschen nicht mehr Vorbild und Gesetz scein. So entstand ihnen eine doppelte Moral, eine für die Weisen und eine andere für die Nichtweisen, und eine doppelte Glückseligkeit, eine, an der nur der Weise teil hat, und eine andere für die übrigen. Die letztere aber bedarf neben der Tugend noch gewisser äußerer Güter. Drittens glaubt Hirzel in dieser Bestimmung der Glückseligkeit auch den Einfluß Platos auf Panätius zu erkennen, da Plato ebenfalls Reichtum und Gesundheit zwar im Grunde nicht als Güter gelten läßt, sie aber trotzdem in seinen Schriften öfter ohne Einschränkung als solche bezeichnet. Schließlich erschien dem Atticisten Panätius das Wort r00' uéya als eine Mißbildung, von der er glaubte die Sprache wieder befreien zu müssen. Spuren desselben freiern Gebrauchs von dαννα findet Hirzel auch noch bei einigen anderen jüngeren Stoikern(S. 425 430).

¹) Im zweiten Buche über die Pflichten, soweit es auf Panätius zurückgeführt werden kann, findet sich keine Spur einer Einteilung der äußeren Güter in Pyieta, zooyhyia und iogös. Dab sie Panätius sonst irgendwo in dieser Weise geteilt hat, darauf scheint allerdings Antipaters Kritik des Panätianischen Werkes im§ 86 unseres Buches hinzudeuten. Richtig übersetzt Schmekel(S. 223, Anm. 2) 7ogös durchAnsehen= Neigung der Mit- menschen. Bei Plato in den von Hirzel(S. 336 ff.) angeführten Stellen bedeutet es noch Körperkraft. Die Bedeutung von oονiao=Ausstattung mit äußeren Gütern und ioꝝ=Ansehen,oνραeννᷣ scheint auf Aristoteles zurückzugehen. Vgl. Bonitz, Index Aristotelieus unter iogzus, zooyyia und zooyyesy. Bei Aristoteles ist die Tugend allerdings das Prinzip des Glücks, aber um handeln, ja selbst um betrachten zu können, muß man gesund sein, und man gelangt zur vollen Entfaltung seiner Energie nur, wenn man etwas vom Glücke begünstigt ist und Freunde hat. Vgl. C. Piat, Aristoteles. Deutsche Ausgabe. Berlin 1907.(S. 312). Vielleicht hat Panätius also wie die Namen, so überhaupt die Dreiteilung der äußern Güter von den Peripatetikern über- nommen. ²) Vgl. S. 8. ³) Vgl. die Ausgaben von C. F. W. Müller und Sabbadini zu dieser Stelle.