M. Tullius Cicero war kein Philosoph und hat sich auch nicht dafür ausgegeben. Die Philosophie war ihm nur eine Dienerin der Beredsamkeit. Es reizte ihn jedoch, seine Gestaltungskraft auch an der Darstellung philosophischer Gegenstände zu versuchen, zumal da er glaubte, seinen Landsleuten einen groſsen Dienst zu erweisen, wenn er ihnen das Ver- ständnis der Ideen eröffnete, die er den führenden Geistern der Hellenen verdankte. Aber er war kein zuverlässiger Interpret seiner griechischen Vorlagen; denn es lag nicht in seiner Art, in mühsamer Arbeit den verwickelten Untersuchungen der griechischen Philosophen zu folgen und mit ihnen in das Wesen der Dinge einzudringen. Auch das Selbstgefühl hinderte den vornehmen Römer, die Lehren der Griechen kritiklos zu übernehmen und verführte ihn öfter dazu, die griechische Uberlieferung durch eigene Ansichten zu ersetzen. Diese Eigentümlichkeiten Ciceronischer Arbeitsweise treten besonders hervor in seiner letzten philosophischen Arbeit, in den Büchern über die Pflichten. Er nennt zu wiederholten Malen als Quelle für die zwei ersten Bücher dieses Werkes die drei Bücher des Panätius el 105„lαενωννοο bemerkt aber, er habe seine Vorlage hin und wieder berichtigt ¹) und sagt gleich im Beginne des ersten Buchs ³) ausdrücklich, er werde aus den Stoikern nach Wahl und Gutdünken schöpfen, soviel und wie es ihm nöôtig scheine. Wieviel er aber aus Panätius' Werke entnommen, was er selbst hinzugetan oder was er geändert hat, das sind Fragen, die bis jetzt recht verschieden beantwortet sind. Van Lynden ³) meint, die grie- chische Vorlage sei von Cicero beträchtlich gekürzt, im übrigen aber werde durch die zwei ersten Bücher Ciceros der Inhalt des Panätianischen Werkes ohne wesentliche Anderungen wiedergegeben. Hinzugesetzt seien von ihm abgesehen von den Einleitungen nur einige Beispiele aus der römischen Geschichte. Seiner Meinung folgen im wesentlichen Hirzel ⁴) und Fowler. ⁵5) Aber es ist nicht angängig, sich bei diesem allgemeinen Urteile zu beru- higen. Um das Verhältnis Ciceros zu seiner Vorlage und um seine Arbeitsweise zu er- kennen, wird es vielmehr nôtig sein, den Rat Useners ⁶) zu befolgen, Cicero von Abschnitt zu Abschnitt zu begleiten, Anordnung und Inhalt der vorgetragenen Gedanken zu prüfen und so Panätius' Eigentum von Ciceros Zutaten zu scheiden. Diesen Weg haben bereits Klohe*) und Schmekels) beschritten. Ich werde häufig genötigt sein, ihre Ansichten zu bekümpfen, aber ich bin weit entfernt, der Kloheschen Arbeit die Anerkennung zu ver- sagen, die sie gefunden hat, und das bedeutende Werk Schmekels kann selbstverständlich nichts an seinem Einsehen einbüfsen, auch wenn sich die Ansichten des Verfassers in einem kleinen Teile hier und da irrig erweisen sollten. Auf das erste Buch werde ich meine
4) Vgl. off. I 9 und III 7.— ²) off. I 6; vgl. off. II 60.— ³) F. G. van Lynden, Disputatio Historico- Critica de Panaetio Rhodio philosopho Stoico, Lugduni Batavorum 1802. S. 100.— ⁴ Untersuchungen zu Ciceros philosophischen Schriften von Rud. Hirzel, Leipzig 1877—83. II. S. 271 fl.— ⁶) H. N. Fowler, Panaetii et Hecatonis librorum fragmenta Diss. Bonn 1885. S. 3.— ⁴⁹) Epicurea ed. H. Usener, Leipzig 1887 p. LXVI. *) P. Klohe, De Ciceronis librorum de officiis fontibus. Diss. Greifswald 1889.— ³) Die Philosophie der mittle- reu Stoa in ihrem geschichtlichen Zusammenhange dargestellt von A. Schmekel. Berlin 1892.


