10
der mangelhaften, vielleicht drftigen Ausbildung ſeines Lehrlings ſein, ſo müßte er ſich ſtets Vorwürfe machen und ſich hauptſächlich oder ganz allein die Schuld beimeſſen, wenn er erfährt, daß derſelbe nirgends beſtehen, daß er nur kümmerlich und erbärmlich ſich durchſchleppen kann, oder daß er vielleicht ein müſſiges und herumſtreichendes Bettlerleben führt.— Die Erfahrungen, welche wohl die Vorſteher und Lehrer der verſchiedenen Taubſtummenanſtalten in dieſer Beziehung gemacht haben, ſind mitunter der Art, daß ein ernſtes Wort gerechtfertigt erſcheint. Möchten nun auch dieſe Ermahnungen und Aufforderungen, dieſe wohlgemeinten Winke und Rathſchläge allerwärts erwogen und beherzigt werden; möchte Jeder nach Pflicht und Gewiſſen das Seinige dazu beitragen, um das Loos der Unglücklichen erleichtern, ihr Fortkommen ſichern, ihr Glück begründen zu helfen!
Geiſtige, ſittliche und religiöſe Fortbildung der Taubſtummen.
Wenn im Allgemeinen vorausgeſetzt wird, daß der taubſtumme Lehrling als zur Familie gehörig zu behandeln ſei, ſo verſteht es ſich auch von ſelbſt, daß ihm viele Annehnlichkeiten und Vergünſtigungen, von welchen Andere oft ausgeſchloſſen bleiben, gewährt werden. Dahin rechne ich vor Allem den unbehinderten Zutritt in das Familienzimmer, beſonders an arbeitsfreien Tagen und an den langen Winterabenden. Sollte der arme Taubſtumme, blos um ſich vor Kälte oder Langeweile zu ſchützen, genöthigt ſein, früher zu Bett zu gehen, als das körperliche Bedürfniß dazu drängt, ſo möchte ihm leicht in geiſtiger und ſittlicher Hinſicht Gefahr drohen!— Der einigermaßen gebildete und geweckte Taubſtumme lieſt und ſchreibt gern. Man erhalte und ſteigere dieſe Neigung und verſchaffe ihm Zeit und Gelegenheit, die aus der Anſtalt mitgebrachten Hefte und Bücher durchleſen zu können; man gebe ihm Erzählungsbücher,*) welche ſeiner Faſ⸗ ſungskraft angemeſſen ſind; man laſſe ihn kleinere oder größere ſchriftliche Ausarbeitungen machen, etwa über das, was ſich Bemerkenswerthes im Laufe des Tages oder der Woche zugetragen, oder was er Auffallendes und Intereſſantes geſehen hat; man veranlaſſe ihn, ſeinen Eltern oder Verwandten, ſeinen Lehrern und früheren Mitſchülern briefliche Mittheilungen zu machen über ſeine Verhältniſſe, Bedürfniſſe oder Wünſche, und erwerbe ſich durch dieſes einfache Mittel nicht nur ſeine Anhäng⸗ lichkeit und Liebe, ſondern gewiſſermaßen auch die Zügel, womit man ihn von ungeeigneter oder ſchädlicher Unterhaltung und Geſellſchaft ablenkt. Wenn nun dieſe Gelegenheit noch benutzt wird, auch ſeine Sprechfertigkeit zu erhöhen, wenn man ihm geſtattet oder ihn anhält, laut zu leſen, ſei es nun für ſich oder als Vorleſer, ſo iſt der Nutzen ein doppelter, dreifacher. Außer dieſer bildenden Beſchäftigung kann der Meiſter aber auch auf eine unterhaltende bedacht ſein,
*) Ganz beſonders iſt hier aufmerkſam zu machen auf die eigens für Taubſtumme geſchriebenen„Blätter für Taubſtumme“— herausgegeben von Hermann Wagner, Stadtpfarrer und Vorſteher der K. Taubſtummen⸗ und Bindenanſtalt in Gmünd, jährlich 26 Nummern; Preis 36 kr.— Jede Nummer enthält eine kurze bibliſche Erzählung mit beigefügter religiöſer Betrachtung, eine größere oder kleinere Erzählung oder Beſchreibung, Briefe von Taubſtummen an Taubſtumme, bibliſche Fragen, Räthſel u. ſ. w. auf den Bildungsgrad und die Bedürfniſſe der taubſtummen Leſer berechnet.


